Der „Monde“, Paris, veröffentlichte die Zuschrift eines russischen Journalisten, der die sowjetische Intervention in der Tschechoslowakei zu rechtfertigen sucht. Darin finden sich einige Gesichtspunkte, die, wenn auch nicht gerade neu, von erneutem Interesse sind. Nehmen wir zum Beispiel die Pressefreiheit, deren Unterdrückung in Prag den Sowjets so wichtig ist...

Die Freiheit der Presse ist notwendig für die bürgerlich – demokratischen Systeme, sagt der sowjetische Journalist (er heißt Dadiants); denn sie nützt der Arbeiterklasse. In einem sozialistischen Lande aber, wo die Arbeiterklasse die Macht in den Händen hat, ist die Pressefreiheit schädlich. Denn sie dient der „Konterrevolution“.

So einfach ist das. So einfach an das Wort „Macht“ gebunden. Übrigens verteidigt Dadiants die russische Politik gegen den Vorwurf, der Kommunismus beruhe auf der Kraft der Bajonette, folgendermaßen: „Wer hat denn behauptet, daß die Diktatur des Proletariats eine vegetarische Macht sei, welche die Gewaltanwendung gegen Ausbeuter ablehne? Der Kommunismus ist nicht gegen die Freiheit im allgemeinen, er ist gegen die Freiheit für das Bürgertum und seine Anhänger. Wenn einer an dieser Mission des Kommunismus gezweifelt hat, an der Mission eines Systems, das die Freiheit des Volkes gewährleistet und die Ausbeuter unterdrückt, auch mit Hilfe von Bajonetten, der möge seine Illusionen fahren lassen!“

Natürlich haben die Russen und ihre Verbündeten, als sie in die Tschechoslowakei einrückten, auch im Interesse Frankreichs gehandelt. Denn: „Gerade in Frankreich hätte man verstehen müssen, daß eine Veränderung des gegenwärtigen Status quo in Europa zugunsten des westdeutschen Militarismus ausschlagen müßte, der heute wie gestern die ureigentliche Bedrohung für die friedliche Entwicklung der Völker des ganzen europäischen Kontinents ist.“

Ein Lob erhielt Debré, der französische Außenminister, der an der Politik der Entspannung festhält. „Glücklicherweise scheinen die französischen Regierenden sehr viel mehr Weitsicht zu besitzen als gewisse bürgerliche französische Journalisten“, so schließt Dadiants. Aber eben unter diese getadelte Kategorie muß er auch die Journalisten von „Le Monde“ rechnen. Er wollte sie nachdenken lehren über die Ereignisse, die „auf den ersten Blick gegen uns sprechen“.

„Le Monde“ aber kommentiert: „... die Tatsachen sprechen auf den ersten Blick gegen uns, gibt Herr Dadiants zu. Auf den zweiten Blick ebenfalls.“

Die „bürgerlichen“ Journalisten sind eben unbelehrbar.