Düsseldorf

Die Düsseldorfer "Neue Rhein-Zeitung" meldete am 31. August 1968: "Marathon-Pianist Heinz Arntz greift wieder in die Tasten. – Ohne jeden Schlaf klimpert er dem Weltrekord entgegen." Ich las: Der 68jährige Heinz Arntz, gerade von einem Schlaganfall genesen, will seinen eigenen Weltrekord im Dauerklavierspielen, der bei 1070 Stunden liegt, überbieten. Das Ereignis fand "am Ort" statt, so stand in der Zeitung, in der "Jahn-Klause", einer Düsseldorfer Vorortkneipe. Arntz, der Musik studiert und anschließend als Klavierspieler in Cafehäusern sein Brot verdient hatte, las, etwa in den zwanziger Jahren, im Fachblatt seiner Branche, ein Amerikaner namens Build fordere zu einem Wettkampf im Dauerklavierspielen heraus. Arntz stellte sich in Berlin zum Kampf und spielte 75 Stunden. Der Amerikaner war drei Stunden vorher am Klavier zusammengebrochen. Arntz war Weltmeister. Ungehindert ist er seitdem alleiniger Rekordinhaber in dieser Disziplin. Überall auf dem Erdball verteidigte er seinen Titel, schraubte er seine Leistung in die Höhe: 1934 auf 108 Stunden, 1952 auf 224 Stunden, 1960 auf 806 Stunden und am 1. Oktober 1966 auf 1070 Stunden. Am Donnerstag, dem 29. August, 20 Uhr, so entnahm ich der Zeitung, begann der Weltrekordversuch in der "Jahn-Klause".

Die "Jahn-Klause" ist eine Eckkneipe. Die Tür zur Gaststube ist offen. Kein Klavierspiel zu hören. Beim Hineingehen stoße ich auf die Wirtin: "Kann man den Weltrekordmann im Dauerklavierspielen sprechen?" – "Der ist längst nicht mehr hier!" – "Wieso?" – "Den haben wir rausgeschmissen, der hat uns ja die ganzen Gäste aus dem Lokal hinausgeklimpert!"

Im Telephonbuch steht: "Arntz, Heinz, Feuerbachstraße 10, 33 11 46". Ich wähle die Nummer. "Herr Arntz, ich wollte mich mal nach Ihrem neuen Weltrekord im Dauerklavierspielen erkundigen?" "Ach so, ja, das ist längst erledigt. Ich hatte Differenzen mit dem Wirt. Der nahm ja viel zu hohe Preise fürs Bier, 1 Mark für ein Düssel, da kamen natürlich keine Gäste mehr. Nach 30 Stunden war Schluß. Aber morgen früh geht die Sache vors Arbeitsgericht. 10 Uhr in der Mühlenstraße, Saal A 231."

Saal A 231 im Düsseldorfer Landgericht. "Arntz gegen Mulawski." Sohn Arntz tritt auf, er hat die Vollmacht seines Vaters. Dann eine jüngere Frau. Mulawski sei falsch, eigentlich hätte sie die Ladung gar nicht anzunehmen brauchen. Der Richter: "Wie heißt denn der Beklagte?" – "Umlawski." Er wird durch seine Verlobte, Fräulein Neugebauer, vertreten.

"Worum geht es hier eigentlich", will der Richter wissen. Nach einigem Hin und Her kommt heraus, daß ein Vertrag über ein Gastspiel zwischen dem Weltmeister im Dauerklavierspielen, Heinz Arntz und dem Gastronomen Norbert Umlawski abgeschlossen wurde. Vertragsdauer: 29. August 1968, 20 Uhr, bis auf unbestimmte Zeit.

Die Modalitäten werden von Sohn Arntz erläutert: "Zwei Stunden und 45 Minuten ist Pause." Der Richter: "In der ganzen Zeit?" – "Nein, täglich." – "Ach so!" – "Das sind die Bestimmungen der Internationalen Artistenloge." Als Vergütung war festgelegt: Freie Anreise, freie Verpflegung, Unterkunft und Umsatzbeteiligung, etwa 10 Pfennig pro Glas Bier. Fräulein Neugebauer legt los: Der Vertrag lief auf ‚unbestimmte Zeit‘, da konnten wir doch Schluß machen, wann wir wollten!" Der Richter will Gründe wissen. "Ich habe in die Kasse geschaut, da waren abends nur 70 Mark drin, sonst haben wir 230 Mark. Das können wir uns nicht leisten, daß er unser Geschäft kaputt macht!" Der Richter belehrt: "Der Vertrag bedarf der fristgerechten Kündigung!" Fräulein Neugebauer verteidigt sich: "Der hat die Gäste nicht hin eingespielt sondern hinausgespielt!" Richter: "Das haben Sie doch im voraus gewußt! Wenn es gar nicht mehr erträglich war, dann mußten Sie sich gütlich einigen. Was hat denn Herr Arntz von Ihnen bekommen?" – "Hundert Mark und die Transportkosten fürs Klavier haben wir auch getragen."