Döblins erster Roman „Die drei Sprünge des Wang-lun“ erschien 1915 nach einer Odysee durch sämtliche großen Verlage Deutschlands bei S. Fischer in Berlin. Sein letzter Roman „Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende“ hatte ein ähnliches Schicksal. 1946 von dem aus Amerika heimgekehrten Emigranten abgeschlossen, wurde das Buch wie der „Wang-lun“ von den großen Verlagshäusern abgelehnt und erschien erst zehn Jahre später bei Rütten & Loening in Ostberlin. Eine zyklische Verbindung von Anfang und Ende, die wahrlich nicht auf ein sogenanntes erfülltes Schriftstellerleben hindeutet, sondern Bitterkeit und Resignation signalisiert. Aber zwischen diesen beiden Stationen erstreckt sich ein labyrinthisch zerklüftetes episches Bergmassiv von erstaunlichem Umfang, eine terra incognita, größtenteils auch noch heute, die es zu erkunden gibt. Wie wenig bisher getan worden ist, verdeutlicht die schmale Broschüre

Alfred Döblin: „Bibliographie 1905–1966“, herausgegeben von Wolfgang Peitz; Verlag Eckhard Becksmann. Freiburg; 99 S., 13,50 DM.

Eine Handvoll wichtiger Essays von Martini, Minder und Muschg, wenige Dissertationen. Ein nicht sehr ermutigendes Bild, das diese nützliche und einigermaßen vollständige Bibliographie zeichnet.

Unter den großen Romanciers, die zu den Bahnbrechern des modernen deutschen Romans gezählt werden, ist Döblin auch heute noch einer der unbekanntesten. Eine Tatsache, mit der er sich am Ende seines Lebens abgefunden hatte: „Ich habe übrigens bis auf eine Ausnahme immer sehr niedrige Auflagen gehabt.“ Die eine Ausnahme war „Berlin Alexanderplatz“. Döblin selber schien das Schicksal seiner Bücher im Altersrückblick nicht ohne Sinn zu sein. Die obligaten „Gesammelten Werke“ waren ihm suspekt: „Dies ist nicht die Zeit für ‚Gesammelte Werke‘, für solchen dicken Prunk.“ Das Bild, das sein Lebenswerk ihm in der Rückschau bot, schien seiner Zeit angemessener zu sein: Bruchstücke, Torsi auf einen Platz nebeneinandergekarrt.“ Daß sich das in der Zwischenzeit dennoch geändert hat und die verstreuten Bruchstücke sich zu einem jetzt überschaubaren Lebenswerk verbinden, ist dem kürzlich verstorbenen Walter Muschg zu verdanken, dessen Edition –

Alfred Döblin: „Ausgewählte Werke in elf Einzelbänden“, in Verbindung mit den Söhnen des Dichters herausgegeben von Walter Muschg; Walter-Verlag, Olten/Freiburg; zus. 5835 S., 282,– DM

– die entscheidenden Werketappen des Dichters berücksichtigt und in durchweg aufschlußreichen Nachworten zur Textgestalt und zur Deutung kommentiert.

„Gesammelte Werke“, in denen Döblin eingesargt zu werden befürchtete, sind so nicht entstanden. Schwächere Arbeiten wie „Wadzeks Kampf mit der Dampfmaschine“, „November 1918“, die dramatischen Versuche, eine Reihe von Erzählungen wurden nicht berücksichtigt. Aber da die heute wohl nur noch werkgeschichtlich interessante „epische Dichtung“ „Manas“ aufgenommen wurde, vermißt man das Gegenstück dazu, den 1924 erschienenen Roman „Berge, Meere und Giganten“. Auf der einen Seite die zeitweise in stofflichen Halluzinationen untergehende Utopie einer ins Gigantische verzerrten, technisierten Zukunftswelt, in der der Mensch bedeutungslos wird, auf der anderen Seite im „Manas“ das in mythischen Bildern gedeutete menschliche Ich als Spiegel einer verinnerlichten Wirklichkeit.