Zwischen Hoffen und Bangen erwartete die Tschechoslowakei am Wochenanfang den Abflug der Prager Partei- und Regierungsspitze nach Moskau. Dort sollen wichtige Entscheidungen über Dauer und Modalität der sowjetischen Besetzung fallen. Doch wurde die Reise auf das nächste Wochenende verschoben.

Grund der Verzögerung: Angeblich will Moskau KP-Chef Dubček und Staatspräsident Svoboda nicht mehr als Verhandlungspartner akzeptieren. Sie sollen bis November aus „Gesundheitsgründen“ zurücktreten. Dubček wollte ursprünglich mit Ministerpräsident Cernik, Parlamentspräsident Smrkovsky und den slowakischen und mährischen KP-Chefs, Husák und Spacek, in die sowjetische Hauptstadt reisen.

Staatspräsident Svoboda soll entschlossen sein, auch ohne offizielle Einladung mitzufahren, weil nur seine persönliche Anwesenheit die physische Sicherheit Dubčeks gewährleisten könne. Nach Gerüchten in Prag wird in Moskau angeblich ein Schauprozeß gegen den Parteichef vorbereitet.

Der Staatspräsident hatte Dubček in den ersten Tagen nach der Invasion das Leben gerettet: Er drohte zweimal seinen Selbstmord an, um die Teilnahme des bedrohten und mißhandelten Politikers an den Verhandlungen über das „Moskauer Diktat“ und ihre Rückkehr nach Prag zu erzwingen – was auch gelang.

Neuerdings nimmt die Presse in Warschau, Ostberlin und Moskau immer mehr Anstoß an Dubčeks und Svobodas „Kommunismus des nationalen Konsenses“ und kritisiert den „Personenkult“ um Präsident und Parteichef. Politische Beobachter meinen, daß die Sovjets zunächst auf eine Abnutzung Dubčeks und seine Isolierung in der Parteiführung hofften.

Die „Normalisierung an der ideologischen Front“ – so das Moskauer Parteiorgan „Prawda“ – will sich jedoch nicht so recht einstellen. Die Sowjets wollen daher – wie Korrespondenten übereinstimmend aus Moskau und Prag berichten – über einen allmählichen und teilweisen Abzug ihrer Truppen als Gegenleistung für eine „Normalisierung“ verhandeln.

Černik erklärte am Wochenende sehr bestimmt, „der schrittweise Abzug ausländischer Truppen bis auf gewisse Kontingente“ werde „in den nächsten Tagen“ beginnen. Smrkovsky schwächte zwei Tage später ab: Über den Abzug und den Schutz der tschechoslowakischen Grenzen werde noch verhandele

Am Dienstag melde:e die Nachrichtenagentur Associated Press, die Sowjets seien prinzipiell bereit, 400 000 Soldaten abzuziehen. Die restlichen 100 000 Mann sollen an der tschechoslowakischen Westgrenze und in der Nähe Prags stationiert bleiben. Manche Einheiten erhielten bereits warme Kleidung und bereiteten den Umzug in feste Quartiere vor – möglicherweise für einen langen Winter.