Knapp sechs Wochen vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl am 5. November weist der neueste Harris-Poll für den republikanischen Kandidaten Richard Nixon einen sicheren Vorsprung aus. 39 Prozent der befragten Wähler würden ihm jetzt ihre Stimme geben. Für den demokratischen Bewerber, Vizepräsident Hubert H. Humphrey, sprachen sich 31 Prozent, für den Kandidaten der dritten Partei, den Südstaatler George Wallace 21 Prozent der Befragten aus.

In diesem Jahr haben die Amerikaner nicht die Wahl zwischen kontroversen Programmen: Alle Kandidaten plädieren – wenn auch mit unterschiedlichem Nachdruck – für die derzeit populärste Forderung: „Ruhe und Ordnung.“ Die Reaktion weiter Bevölkerungsschichten auf die Rassenunruhen in den Städten, den Krieg in Vietnam und nicht zuletzt auf den Einmarsch der Sowjetunion in die Tschechoslowakei begünstigten Nixon und Wallace.

Vizepräsident Humphrey gelang es bisher nicht, sich von der Politik der Regierung Johnsons abzuheben. Aber er vertrat auch nicht entschieden genug die Parolen der Konservativen. So setzte er sich zwischen alle Stühle:

  • Die konservativen Demokraten der Südstaaten wenden sich offen George Wallace zu, andere unterstützen den Gegenkandidaten Nixon.
  • Die liberalen Anhänger seines demokratischen Gegenspielers Eugene McCarthy und des ermordeten Robert Kennedy, lehnen es ab, für ihn zu stimmen.

Eine Untersuchung des amerikanischen Nachrichtenmagazins „Newsweek“ zeigte, wie desperat die Situation Humphreys ist. Obwohl in der letzten Woche 31 Prozent der Wähler für den Vizepräsidenten stimmen wollten, hätte er nur über 54 der 329 Stimmen im entscheidenden Wahlmännerkollegium verfügt, das den Präsidenten küren wird: Fünfunddreißig weniger als Wallace, dem viele bis vor kurzem keine Chancen gaben.