In der Tschechoslowakei stehen die Dinge weiterhin auf.Messers Schneide. Die Intervention hat bisher ebensowenig ein klares Ergebnis gebracht wie zuvor die Abmachung von Cierna. Es ist noch immer beides offen: Wie weit die Sowjets am Ende in ihrer Brutalität gehen wollen, und zu welchem Grad der Fügsamkeit sich die Tschechoslowaken bereitfinden werden. Ein schicksalhaftes Fingerhakeln ist darum im Gange.

Das Schlimme ist: Nichts läßt sich heute mit Gewißheit ausschließen. Manche westlichen Beobachter meinen zwar, Anzeichen sowjetischen Nachgebens wahrzunehmen; sie glauben, im Kreml könnte sich die Einsicht durchsetzen, es wäre am besten, wenn hinter dem Schirm einer fortdauernden sowjetischen Truppenpräsenz im Böhmerwald die Prager Reformen, verlangsamt vielleicht, aber doch in der alten Richtung weitergingen. Andere glauben jedoch, der Kreml werde, um sein Gesicht zu wahren und seine Minimalforderungen durchzudrücken, sehr bald einen Führungswechsel in Prag erzwingen. Und einige befürchten sogar, die Sowjets würden schließlich doch noch eine Militärregierung einsetzen und eine blutige Bartholomäus-Nacht veranstalten– um dann die Leichen der Ermordeten zynisch als Beweis für die bisher unbewiesene Konterrevolutions-These zu präsentieren.

Alle diese Möglichkeiten sind heute noch denkbar. Vielleicht fallen die Würfel, wenn die Prager Reformer und ihre Moskauer Unterdrücker jetzt abermals im Kreml zusammentreffen.

Th. S.