Von Kino Sanders

Valenza blickt von einem der letzten westlichen Hügel des rebenreichen, sanften Monferrato über die Flußniederung. Es ist äußerlich schäbig wie nur irgendeine Kleinstadt, die, ockerfarbene Schattenoase, von weitem so vielversprechend im grünen Glast der Po-Ebene schwimmt, in der Nähe aber allenfalls die Faszination zeitloser Trostlosigkeit absondert. Doch Valenza, in bäuerlicher Landschaft eine scheinbar bäuerliche Siedlung noch vor kurzem, hat nichts Zeitloses mehr. Die Leute, die von Jahr zu Jahr wieder hierherkommen und in dem neuen Hotel Erster Klasse – wo gibt’s sonst dergleichen weit und breit? – absteigen, finden Valenza jedesmal stark verändert.

Zeitrafferisches Wachstum macht mit Abbruchruinen, Baustellen und dem unorganischen Nebeneinander von ländlichem Flachbau und modernen hochstöckigen Stadthäusern das Städtchen noch unansehnlicher. Es erinnert an eine Goldgräberstadt; doch die Geologie stützt diesen Eindruck mit keinem Indiz, und welcher Wirtschaftsgeograph könnte aus der Beschaffenheit der Gegend schließen, daß jährlich an die vierzehn Tonnen Gold über die dürftigen Zufahrten nach Valenza rollen und es, im Wert gesteigert um 70 bis 75 Prozent, wieder verlassen? Welcher Ökonom würde hier ein Weltzentrum des Schmucks vermuten?

Valenza ist eine Druse: In seinem Innern, hinter miesen Mauern, wachsen so funkelnde Kostbarkeiten, daß dem, der sie zu Gesicht bekommt, die Augen übergehen. Touristen jedoch, fänden sie her, würden nicht einmal ein Schaufenster, eine Schmuckauslage entdecken, wie sie in italienischen Städten sonst so zahlreich sind. Freilich heißt das Hotel Erster Klasse „Smeraldo“, und es bietet seine Dienste nicht ausländischen Urlaubern an, sondern den „Geschäftsleuten und den anspruchsvollen Kunden“. Die allerdings kommen aus aller Welt. Reisen sie mit dem Wagen an, so weisen ihnen schon etliche Kilometer vor der Stadt Schilder in Italienisch und Englisch den Weg zur Mostra Permanente di Oreficera, Gioielleria ed Argenteria Valenzana.

Auf den ersten Blick wird ihnen die für eine Landstadt ungewöhnliche Menge Autos auffallen (es sind verhältnismäßig mehr als in Turin), auf den zweiten Blick die Menge Firmenschilder, die alle dasselbe Gewerbe anzeigen. Goldschmiede, Juweliere, Exporteure in fast jedem Haus, und oft genug mit mehreren Adressen, zum Beispiel: Valenza Po – New York, Fifth Avenue.

Noch vor fünfzehn Jahren kam nur selten ein Fremder hierher, und wer kam, fand kaum eine annehmbare Unterkunft. Das emsige, aber beschauliche Goldschmiedestädtchen war auf Besuch nicht eingerichtet. Bis 1956 werkelte man beinahe nur für den Inlandsmarkt, dies zwar seit reichlich hundert Jahren. Da kehrte Vincenzo Morosetti heim, ein Auswanderer, der in Amerika die Goldschmiedekunst erlernt hatte. Er richtete in Valenza die erste Werkstatt ein, zog Schüler heran und bekam tüchtige Nachfolger. Um 1900 gab es 25 Werkstätten mit ungefähr 250 Arbeitern. Fünfzig Jahre später waren es 320 Firmen und 3200 Beschäftigte.

Während etwa Pforzheim seine Produktion in aller Welt feilbot, arbeiteten sie hier noch immer mit handwerklichem Biedersinn, und der Gedanke an Kommerzialisierung und Export kam offenbar nur ein paar Avantgardisten. Man arbeitete für privat, auf Wunsch; man zeigte, was man machte, und wurde es los; aber die Ringe, Broschen, Armreifen, Kolliers waren nicht systematisch gekennzeichnet und katalogisiert. Kaum konnten die Leute ein Angebot machen, eine Bestellung von außerhalb entgegennehmen.