Von Urs Jenny

Basel jubelte, bejubelte Dürrenmatt und Düggelin, bejubelte aber spürbar auch den eigenen Mut, sein neu organisiertes Stadttheater zwei als unstet, unbequem und bürokratiefeindlich geltenden Männern anvertraut zu haben in der Hoffnung auf eine neue „Ära“. Die theatralischen Unheilsmeldungen aus Hamburg hatten in den letzten Tagen wohl auch manche Basler Gemüter bedrückt; nun, nach der Premiere, durfte man ganz laut aufatmen, denn die beiden neuen Männer haben mit einem spektakulären Starterfolg der Stadt, die zwar klein ist, aber zu reich und zu selbstbewußt, um sich als „Provinz“ zu verstehen, zu Großstadtglanz verhelfen, wenigstens für diesen Abend.

Uraufgeführtwurde: Friedrich Dürrenmatts „König Johann“, frei, ziemlich frei – und doch vielleicht nicht frei genug – nach Shakespeare, eine böse, blutige, von schrillem Witz vergiftete Historie um Gewalt, Macht, Ohnmacht und die törichte, ewig unbesiegbare Hoffnung auf eine bessere Welt: Ein kräftiges, weithin effektvolles, dabei in der Wahl dieser Effekte geradezu entwaffnend unzimperliches Schauspiel; ein typischer, in seiner sentenziösen Direktheit sogar gefährlich über-typischer Dürrenmatt, und insofern, in der Entfaltung der Konstellationen und Peripetien, kaum je überraschend, kaum theatralisch Neues eröffnend; kein Experiment, sondern eine sichere Sache, der man nach dem Basler Publikumserfolg leicht eine tantiementrächtige Zukunft voraussagen kann.

Ursprünglich wollte Düggelin Shakespeares „König Johann“ herausbringen, Dürrenmatt sollte den Text nur „dramaturgisch einrichten“: ein schwaches Stück, ein kaum gespieltes, und doch ein Stück mit fulminanten Augenblicken, mit Ballungen einer fast wütenden Sprachphantasie, die die Greuel des Krieges in blutige Bilder faßt.

Es geht um jenen Johann Plantagenet, der als jüngerer Bruder nach Richard Löwenherz den Thron bestieg, obwohl –- vielleicht, wer weiß das schon so genau – sein Neffe Arthur, als Sohn des älteren Bruders, mehr Recht auf die Krone gehabt hätte. Arthur – Shakespeare hat ihn zu einem kleinen Jungen gemacht, dessen Ansprüche eine rabiate Mama verficht – findet Hilfe bei Philipp, dem König von Frankreich. Vor Angers schlagen Engländer und Franzosen eine unentschiedene Schlacht, dann schließen die Könige Frieden, einen Kuhhandel, auf Kosten des kleinen Arthur natürlich: Eine englische Nichte wird mit dem französischen Dauphin verheiratet.

Unklugerweise hat aber Johann zur Finanzierung seines Krieges Kirchen und Klöster geschröpft, dafür trifft ihn und seine Verbündeten nun – direkt in die Versöhnungshochzeit hineinplatzend – der Bannfluch des Papstes. Philipp muß, um dem Bann zu entgehen, die Verbrüderung mit Johann flugs rückgängig machen: Abermals wird zur Schlacht geblasen, abermals ein blutiges „Unentschieden“ erkämpft – Johann zieht sich mit dem kleinen Arthur als kostbarster Beute nach England zurück; die Franzosen, auf Drängen des Papstes, setzen ihm nach.

So weit, so gut. Das Malheur des zweites Teils besteht darin, daß der kostbare Arthur, um den alles geht, von einem Burgturm springt, eine tödliche Panne, und daß schließlich Johann – nachdem er sich eben durch eine Canossa-Geste mit Rom versöhnt hat, worauf der Papst die Franzosen zurückpfeift und also alles gut ausgehen könnte – von einem Dunkelmann grundlos und nutzlos vergiftet wird. Sein Sohn Heinrich erbt unangefochten die Krone.