Eine Theorie, die so plausibel klang, daß sie kaum jemand mehr in Frage stellte, muß jetzt revidiert werden. Dieses in der Wissenschaft keineswegs ungewöhnliche Schicksal traf diesmal einen speziellen Zweig der Psychologie, die Traumforschung.

Experimentelle Traumforschung gibt es erst seit einem Jahrzehnt, seit der amerikanische Medizinstudent Eugene Aserinsky entdeckt hatte, daß schlafende Menschen etwa fünfmal in der Nacht eine Zeitlang die Augen schnell bewegen.

Die Arbeitsgruppe des Chicagoer Schlafforschers Professor Nathaniel Kleitman, der Aserinsky angehörte, fand nämlich, daß Menschen, die während dieser REM-Phasen (Rapid Eye Movements = schnelle Augenbewegungen) geweckt wurden, fast immer (in 80 Prozent der Fälle) aus einem lebhaften Traum gerissen worden waren, während nur sehr wenige (7-10 Prozent) der Versuchspersonen geträumt hatten, wenn man sie außerhalb der REM-Phasen weckte. Ein anderer Kleitman-Schüler, Dr. William Dement, entzog seinen Versuchspersonen während mehrerer Nächte systematisch den REM-Schlaf und beraubte sie damit ihrer Träume.

Dement fand, daß der Schläfer zunächst immer häufiger versuchte, zum REM-Schlaf anzusetzen, je länger man ihm diese Schlaf-Phase verwehrte. Später seien als Folge des REM-Entzuges physische Störungen aufgetreten, berichtete Dement damals. Die Versuchspersonen wurden mürrisch und leicht gereizt, sie zeigten Konzentrationsstörungen, Anfälle von Freßsucht und Ängstlichkeit. Berichte über angebliche Persönlichkeitsveränderungen durch den Traumentzug gingen damals durch die Presse, und Dement selbst äußerte die Hypothese, durch den traumreichen Schlaf würden Giftstoffe im Gehirn abgebaut.

Inzwischen sind aber fast alle Befunde dieser „klassischen“ Experimente zur Traumforschung angezweifelt worden. Zunächst einmal stimmt die Gleichsetzung von REM-Schlaf und Träumen nicht. Spätere Forschungen von D. Foulkes und A. Rechtschaffen zeigten, daß auch Versuchspersonen, die man aus anderen Schlafphasen weckte, in 45 bis 70 Prozent der Weckungen über traumähnliche Erlebnisse berichten konnten. Augenscheinlich hatten Kleitman und seine Schüler nur deshalb in den übrigen Schlafphasen keine Träume gefunden, weil sie nicht nach ihnen suchten, sondern überzeugt waren, die lebhaften Augenbewegungen verfolgten Traumbilder.

Allerdings unterscheiden sich die Träume in den REM-Phasen deutlich von den übrigen Träumen. Von Augenbewegungen angezeigtes Traumerleben ist irreal, phantastisch, dramatisch und von starken Gefühlen begleitet. Die Träume aus Schlafphasen ohne Augenbewegungen hingegen erwiesen sich als „trockener“, mehr von kritischer Vernunft gesteuert und in einen Zusammenhang gebracht.

Aber auch die Beobachtung, daß REM-Schlaf-Entzug zu seelischen Störungen führt, konnte Dement selbst in einem zweiten Experiment nicht bestätigen. Er nahm deshalb an, daß die Störungen in seinem ersten Versuch methoden- und erwartungsbedingte Kunstprodukte gewesen seien. Daß Dement mit dieser Selbstkorrektur über das Ziel hinausschoß, haben kürzlich drei deutsche Traumforscher nachgewiesen: Die Psychologen Hartmut Schulz und Dr. Rudolf Cohen zusammen mit dem Mediziner Professor Adolf-Ernst Meyer.