„Die Zügellosigkeit der Jugend fängt an, wieder überhand zu nehmen und zwar besonders auf Gassen und öffentlichen Plätzen. Vorzüglich zeiget sich diese auf dem Kirchhofe, und am Abend im Schreien und Singen, in tumultischen Zusammenlaufen und Klopfen an Türen und Fensterladen.“ Superintendent Hoppenstedt in einem Brief an den Rektor der Höheren Schule Harburg, 1814.

Hamburg

Die Hamburger drängten im vollbesetzten U-Bahn-Wagen noch näher zusammen. Drei Rocker machten sich an der Eingangstür breit. Die beiden jungen Männer und das Mädchen in der schwarzen Lederkluft genossen den offensichtlichen Respekt der Umstehenden. Die Fahrgäste wendeten sich ab, als die drei sich mit einem angetrunkenen älteren Mann „beschäftigten“. Sie rückten seinen Schlips zurecht, klopften ihm auf die Schulter und belehrten ihn: „Spuck nicht, Opa!“ Beim Aussteigen stießen sie einige der Umstehenden zur Seite, pöbelten eine Frau an und marschierten herausfordernd zu den beiden Rolltreppen, die am Ausgang aufwärts liefen. Befriedigt und amüsiert blickten sie zurück: „Ihre“ Rolltreppe blieb leer; niemand wagte es, hinter ihnen zu stehen – auf der zweiten Treppe drängelten sich die Leute. Oben angekommen trennten sie sich. Einer der Männer ging zur nahen Bushaltestelle. Sein Benehmen änderte sich schlagartig: Er wartete – jetzt allein – ruhig; als der Bus kam, ließ er höflich zwei Frauen vor; im Bus machte er bereitwillig einer Frau mit Kinderwagen Platz. Nur durch seine Kleidung unterschied er sich jetzt noch von den Umstehenden.

Für Dr. W. Kühn, Jugendpsychiater bei der Hamburger Jugendbehörde, ist dies ein bekanntes Phänomen: „In der Masse erfolgt eine Niveausenkung der Einzelverantwortung, in Grenzsituationen besteht dann die latente Neigung zum Gruppendelikt.“ Und er zitiert aus der Fachliteratur: „... wesentlichste Ursache für Ausschreitungen Jugendlicher (liegt) in der Massensituation und ihrer Wirkung auf den heutigen jungen Menschen.“ Oder: „Die Wechselbeziehungen in der Gruppe (wirken) als eine Art Katalysator, der Potenzen freisetzt, die vorher nicht sichtbar waren...“ Aber nicht alle, die sich mit dem Problem jugendlicher Unrast auseinandersetzen müssen, erkennen diese Wechselbeziehungen an. Landgerichtsrat Hans-Georg Dahm, Vorsitzender der Jugendkammer des Hamburger Landgerichts, versuchte mit exemplarischen Strafen dagegen vorzugehen. In einem seiner Urteile heißt es: „Alle (Angeklagten) zeichnen sich durch einen ausgesprochenen Hordentrieb aus. Da sie als einzelne völlig bedeutungslos und feige sind, schließen sie sich zu Horden zusammen ... Der Terror dieser langhaarigen sogenannten Rocker muß gebrochen werden...“ Für den Richter Dahm steht fest: „Viele dieser völlig motivlosen Rüpeleien der jungen Angeklagten entspringen bereits kriminellen Neigungen ...“

Eben diese Behauptung bestreitet Psychiater Kühn. Für ihn ist der Randalierer primär kein Krimineller: „Er ist zwar dissozial, aber nicht kriminell.“ Mit seiner Meinung steht er ziemlich allein da, betrachtet man die Reaktion der Öffentlichkeit und einige Pressekommentare der letzten Wochen.

„Ihr Hobby ist Gewalt“, „Jetzt wird Putz gemacht“ und „Hamburgs Rocker lieben Ketten und Bier“ – Schlagzeilen dieses Tenors schreckten die Hamburger auf und gaukelten ihnen eine Notstandsituation in der Hansestadt vor, die nicht bestand. Mit der Entfernung wuchs die Bedrohung: Die „Münchener Abendzeitung“ verbreitete am 22. Juli 1968 unter der Überschrift „Jede Nacht auf Hamburgs Straßen: Brutaler Terror der Rockers“ die Tatarenmeldung, „auf den Straßen und in den Kneipen (Hamburgs) führen die 2500 Lederjacken jede Nacht ein unangefochtenes Regiment des brutalen Terrors“. Die Zahl der (heute etwa 850) Rocker wird kurzerhand vervierfacht, ihnen wird eine „auf verlorenem Posten“ stehende siebenköpfige Kripo-Zentralstelle gegenübergestellt. Die Leiterin der bei der Hamburger Kriminalpolizei gebildeten „Zentralen Dienststelle zur Bekämpfung des Rockerunwesens“, Charlotte Fiedler, wehrt sich gegen solche Berichterstattung. Sie meint, das „Rocker-Problem“ im Griff zu haben: „Die Rocker sind das Resultat totaler Nichterziehung.“ Den Übergriffen Jugendlicher will sie „mit korrekter Strenge, aber mit Verständnis für die Situation der Jugendlichen“ begegnen. Den Ruf nach dem Polizeiknüppel hält sie für falsch.

Bereits im Juli warnte die Polizei, das „Rocker-Unwesen“ in Hamburg hochzuspielen. Schon zu diesem Zeitpunkt wurde vor dem Einfluß übertriebener Presseberichte gewarnt. Offensichtlich hat bei der Entwicklung der letzten Wochen die Art der Berichterstattung – „Rocker schlugen Rentner tot“ – eine wesentliche Rolle gespielt, auch wenn es nur die „Rolle des Auslösers“ war, wie Psychiater Kühn vermutet. Er sieht das Rocker-Problem nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit den anderen Jugenduntaten. Das Hineinwachsen in die Gesellschaft ist für den Jugendlichen schwieriger geworden: „Früher war die Autorität das Gehäuse, in das der einzelne hineingestellt wurde, aber es gab keine Entwicklung zur Persönlichkeit.“ Die wenigen Informationen, die über die Rocker vorliegen, bestätigen die These: Die meisten Rocker kommen aus gestörten Familien; über 20 Prozent waren Hilfsschüler.