Von Horst Hachmann

Die Stadt Eltville liegt unmittelbar am Rhein und ist mit ihrem historischen Teil auf den Strom ausgerichtet. Eine Schnellverkehrsstraße am Rhein würde ihren baukulturellen Charakter entwerten und das Rheinufer als stadtnahes Erholungsgebiet völlig ausschließen. Das sagt Graf Lennart Bernadotte, der Sprecher des Deutschen Rates für Landespflege. Er steht mitten in einem Chor der Mahner, die mit Bittschriften, Vernunftsappellen und Petitionen das Ohr von Rudi Arndt (41), Hausherr im Hessischen Ministerium für Wirtschaft und Verkehr, zu erreichen versuchen. Der SPD-Minister ist nämlich starrsinnig entschlossen, die seit Generationen von Dichtern besungene, von Naturfreunden umschwärmte und von Historikern gerühmte Rheinuferlandschaft zu zerstören. Minister Arndt will Stadt und Strom durch eine Autobahn voneinander trennen.

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Der Grund: Jeder, der an einem verkehrsreichen Sommertag sein Auto durch die verwinkelten Gassen von Eltville steuert, erlebt das Chaos einer verstopften Fahrbahn, flucht darüber, daß man einer Bundesstraße nicht längst eine großzügige und vernünftige Trasse außerhalb der Stadt gegeben hat.

Seit Jahren sitzen die Verkehrsexperten über ihren Reißbrettern und tüfteln an einem Ausweg aus dem Dilemma. Sie fanden drei Lösungen: Eine C-Linie, die in weitem Bogen die Stadt umginge, eine B-Linie, die sich an die nördliche Peripherie von Eltville anschmiegte, und schließlich eine A-Linie, die direkt am Rheinufer entlang führte. Die B-Linie schied als erste aus der Diskussion aus. Sie würde die Stadt in ihrer städtebaulichen Expansion behindern. Außerdem wehrten sich die Winzer, weil sie kostbares Weinbergsgelände hätten opfern müssen. Im Hessischen Verkehrsministerium suchte man einen Kompromiß und ersann eine Kombination aus A und B. Sie soll innerhalb der Eltviller Gemarkung die Bundesstraße 42 unmittelbar am Rhein entlang führen.

Für die schlechteste aller Lösungen setzt sich Minister Arndt mit anscheinend blinder Entschlossenheit ein, obwohl die Wogen des Protest mittlerweile die Höhe einer mittleren Sturmflut erreicht haben. Der Minister ist offensichtlich willens, die Stimmen der Vernunft zu ignorieren. In einer Zeit, in der sich die perfektesten Verkehrsplaner allerorten mühen, die letzten Kleinodien deutscher Landschaft vor dem Würgegriff des Molochs Verkehr zu bewahren, setzt er seine Unterschrift unter das Todesurteil für eine der bezauberndsten deutschen Flußlandschaften. Arndt hat kürzlich in Eltville mitgeteilt, daß er die Pläne der A-B-Linie (eine tiefliegende, aber offene vierspurige Straße von 6,9 Kilometer Länge, die etwa 37 Millionen Mark kosten soll) dem Bundesverkehrsministerium zur Bewilligung übersandt habe.

Es mag für Bundesverkehrsminister Leber interessant sein, zu erfahren, daß die Eltviller auf der noch nicht gebauten Straße bereits überfahren worden sind. Ursprünglich hatte der Kreistag nämlich der vernünftigen C-Linie mit eindeutiger Mehrheit den Vorrang gegeben. Doch die demokratische Entscheidung behagte dem Sozialdemokraten Arndt nicht. Er machte in einer späteren Abstimmung die Delegierten im Kreistag mit einer „Tunnellösung A“ kirre, die nicht weniger als 80 Millionen Mark kosten sollte. Als er die Zustimmung hatte, wischte er das Projekt vom Tisch. Die Landschaft wird der Straße geopfert. Punktum.

Dazu Karl Korn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Auch wer jetzt frohlockt, wenn eine vier- oder gar sechsspurige Fahrbahn eine der schönsten deutschen Städte vom Strom abschneidet, sollte künftig wissen, woran er ist, wenn Minister Arndt (Wiesbaden) etwas zur Diskussion stellt.“

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Bevor das Bundesverkehrsministerium seinen Segen zu dem mörderischen Projekt gibt, sollte es sich die vom Kreistag ursprünglich befürwortete Lösung C näher ansehen. Die Vorteile sind in einer (vom Deutschen Rat für Landespflege bei dem Bonner Universitätsprofessor Dr. Ing. Edmund Gassner bestellten) Expertise über die Linienführung der B 42 ausführlich begründet. Diese nördliche Umgehungsstraße ist lediglich 750 Meter länger als die Linie A-B, und sie ist nicht oder nur wenig teurer. Die Stadt Eltville hat von jeher die Lösung C befürwortet. Auch die Regionalplanung Mainz–Wiesbaden hat mit Nachdruck dafür plädiert.

Lösungen der Vernunft finden sich überall dort, wo Einsicht und Toleranz den Weg des Kompromisses finden ließen: In Hönningen würde es technisch am einfachsten sein, die B 42 durch die Rheinanlagen zu legen. Doch alle Behörden entschieden sich für die Umgehungsstraße, um das Landschaftsbild nicht zu stören. Bad Godesberg und Bonn wehrten mit Erfolg die Durchfahrt der B 9 durch die Uferzonen ab, und in Frankfurt würde es zum Bürgeraufstand kommen, wollte man seine Mainuferanlagen „Nizza“, wie es manche Planer gerne sähen, dem Verkehr opfern.

Hessens Verkehrsminister Arndt stören solche Argumente nicht. Er sieht nur seine Straße, aber nicht die Menschen, die mit ihr leben müßten. Deshalb muß er sich von Erich Kapitzke, dem Sprecher des „Vereins zum Schutze der Eltville-Niederwallufer Rheinuferpromenade“, sagen lassen: „Die Notwendigkeit eines raschen Umgehungsstraßenbaues ist allseits unbestritten; man darf aber nicht die schlechteste aller Linien wählen, die zudem katastrophale Auswirkungen hat. Herr Minister Arndt ist für die Empfehlung, die er an den Bundesverkehrsminister gegeben hat, von keinem politischen Gremium des Rheingaues legimitiert worden.“