De Gaulle’s Partizipation ist keine Revolution

Von Hermann Bohle

Paris, im September

Zehntausend Kugelschreiber versetzten die Zöllner auf dem Pariser Ostbahnhof wegen umstürzlerischer Texte in Aufregung. Sie werden dem Benutzer des Stiftes sichtbar, wenn er ihn bewegt, und stören die seit der nachrevolutionären Juni-Wahl wiederhergestellte Bürgerruhe: „Freiheit in den Industriebetrieben“ – „Sicherheit der Arbeit“ – „Mai 1968: der Kampf geht weiter...“

Gegen den letztzitierten Spruch waren die Zollbeamten eingeschritten. Zwei Wochen lang mußten die Adressaten – die „Französische Demokratische Arbeitergewerkschaft“ (CFDT), mit 500 000 Mitgliedern drittstärkste im Lande – auf die Ware warten. Die Fachgewerkschaft „Textil“ dieses Verbandes will die 10 000 Germanen-Stifte Anfang Oktober bei ihrem Jahreskongreß an streitbare Mitglieder verteilen.

Die Gewerkschaften in Frankreich ließen sich bisher nicht von Präsident Charles de Gaulles Zauberformel einfangen, in der von der „friedlichen, geordneten Revolution durch Partizipation“ die Rede war. Der alte General verkündete seinem Volke bereits seit 1945 das wahrhaftig vernünftige Ziel, durch „Assoziation zwischen Kapital und Arbeit“ müsse der Klassenkampf überwunden werden, ein Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus gefunden werden. Aus dem Unternehmen soll eine Interessengemeinschaft werden, durch Beteiligung der Arbeitnehmer am Gewinn, also am neu geschaffenen Vermögen, ferner durch offene und umfassende Information der Belegschaften wie schließlich durch die organisierte Beratung mit den Arbeitern und Angestellten. „Durch diese Vereinigung von Maßnahmen... wird sich jeder Arbeiter nicht länger als ein Instrument im Räderwerk der mechanisierten Gesellschaft fühlen“, meinte de Gaulle Anfang September hoffnungsvoll.

Die Gewerkschaften sind skeptisch. Zu viele ihrer Rechte werden ihnen seit Jahren vorenthalten. In Frankreichs Betrieben des 20. Jahrhunderts besaßen die einander meist befehdenden sechs Gewerkschaften bisher nicht das Recht, ihre Mitteilungen am Schwarzen Brett anzubringen, Beiträge einzukassieren, ihre Mitglieder auf dem Firmengelände zu versammeln, eine betriebliche Gewerkschaftssektion zu gründen. Wer es dennoch versuchte, riskierte nicht nur, sondern riskiert in Einzelfällen sogar noch immer die Entlassung.