Bande der Freundschaft halten die Gemeinschaft zusammen. Diese uns aus der Tierwelt bislang unbekannte Gesellschaftsform entdeckte der Braunschweiger Zoologe Dr. Hans Klingel während zweijähriger Freilandbeobachtungen am Michael-Grzimek-Gedächtnis-Institut im ostafrikanischen Ngorongoro-Krater unter den dort weidenden 5500 Zebras.

Eine tausendköpfige Zebraherde erscheint auf den ersten Blick nur als anonyme, durcheinanderquirlende Masse. Aber das täuscht. In der Menge heben sich stabile Familien und Junggesellenklubs durch Zwischenräume deutlich voneinander ab. Zu einer Familie gehören neben dem Hengst eine bis sechs Stuten und deren Fohlen, während die Männervereine zwischen zwei und 15 Mitglieder haben.

Morgens brechen die Gruppen vom Schlafplatz auf, um zu den bis zu 13 Kilometer entfernten Weiden zu wandern. Als Marschordnung ist die Gänselinie auf ausgetretenen Steppenpfaden vorgeschrieben. Dabei wickelt sich zu Beginn ein Ritual ab, wie es bei einem diplomatischen Empfang nicht neidischer praktiziert werden könnte. Die Reihenfolge im Zug muß nämlich genau nach der Ranghöhe der Damen eingehalten werden. Alle niederen Chargen haben mit dem Einreihen zu warten, bis die hochgestellten Persönlichkeiten vorbei sind, an der Spitze die Leitstute mit ihren Fohlen, dem jüngsten zuerst. Jede Fehleinschätzung wird durch Drohen mit den Zähnen sofort richtiggestellt, jeder Überholversuch auf dem Marsch mit einem Tritt nach hinten geahndet. Zu Kämpfen zwischen den Stuten kommt es allerdings nie. So bleibt in der Regel alles stets beim alten, mitunter ein volles Jahr lang.

Als Schlußlicht trottet der Hengst hinterdrein. Merkwürdigerweise hat der heldenhafte Verteidiger bei seinen Damen nicht allzuviel zu melden. Über die Marschrichtung und -geschwindigkeit entscheidet in der Regel allein die Leitstute. Sie bestimmt, wann welche Weide, Tränke, Wälz- oder Schlafstelle aufgesucht wird.

Von den meisten Haremsgemeinschaften, zum Beispiel denen der Krokodile, Seelöwen oder Wildpferden wissen wir, daß sich der Pascha keine schwache Minute leisten darf. Ein Moment des Versagens, und schon stürzen sich zehn oder zwanzig Rivalen auf die weibliche Beute. Weshalb findet bei Zebras ein solcher Raub nicht statt, weshalb wagen Junggesellen nicht einmal einen schüchternen Versuch dazu?

Das ist um so erstaunlicher, als bei den nahen Verwandten der Zebras, den Wildpferden und Wildeseln, ganz andere Sitten herrschen. Hier treibt der Hengst einen Harem zusammen, den er fortan unablässig gegen andere Hengste bewachen muß, die ihm bei erster bester Gelegenheit möglichst viele Weiber zu stehlen trachten. Die Tatsache, daß Zebras, statt Stuten zu hamstern, eine Ordnung der persönlichen Treue und Anhänglichkeit entwickelt haben, machte sie im Kampf ums Dasein überlegen. So konnten sie, nach den Worten von Dr. Klingel, „vom südlichen Sudan bis nach Südafrika, abgesehen von dichten – Regenwaldgebieten und Sandwüsten, alle Lebensräume besiedeln und sich zu riesenhaften Populationen vermehren, wie sie bei anderen Einhufern niemals aufgetreten sind“.

Dr. Klingel beobachtete einmal, wie eine Familie von zwei Stuten und einem Jüngling ihren Hengst durch den Tod verloren hatte. Es dauerte eine halbe Stunde, bis der Hengst einer benachbarten achtköpfigen Familie die günstige Gelegenheit zum Vergrößern seiner Schar bemerkte. Er trabte herzu und versuchte, Nüster gegen Nüster reibend, die Fremden freundlich zu begrüßen. Diese verbaten sich indessen die Annäherung energisch mit Bissen, Tritten und allerlei Drohgebärden.