Von Günther Currle

Jedes Olympiajahr bringt erfahrungsgemäß auch eine Hochkonjunktur für Buch- und Broschürenschreiber: Sport als Thema ist gefragt. Dem sportlichen Allround-Schreiber Helmut Sohre hat der Fischer-Verlag eine Taschenbuch-Neuausgabe eines Werkes beschert, das 1966 („Das goldene Buch vom Sport“) erstmals aufgelegt wurde.

Nun würde man ja erwarten, daß aus aktuellem Anlaß ein aktuelles, handliches Büchlein auf den neuesten Stand gebracht wäre – mitnichten! In Sohres „Sporttaschenbuch“ (Fischer 958) ist zwar die Rede von Killy, der 1968 in Grenoble drei Goldmedaillen gewonnen habe, vom Eisschnellauf aber heißt es, er sei in Deutschland trotz des idealen Trainingszentrums auf dem Frillensee bei Inzell ein Stiefkind des Eissports geblieben. Dabei ist erstens das Zentrum längst nicht mehr auf dem Frillensee, sondern verfügt in Inzell selbst über eine Kunsteisbahn, und zweitens hat der brave Autor offensichtlich zwar von Killy, nicht aber von Olympiasieger Erhard Keller etwas gehört. Wie sollte er auch, schreibt er doch nicht einmal den Namen des deutschen Olympiasiegers im Hammerwerfen von 1936, Karl Hein, korrekt.

Überhaupt hat es der Leichtathletik-Teil des Büchleins in sich. Da herrscht eine geradezu heillose Begriffsverwirrung: „Tempoläufer“ ist bei Sohre einer, „der schnell starten und spurten kann“; Martin Lauer, heißt es, habe eine „eigene Hürdentechnik entwickelt“; die Bewegungsabläufe in den technischen Übungen werden mit einer Sprachkraft beschrieben, angesichts derer einem Tränen der Rührung nicht erspart bleiben. Schlimmer aber sind die offensichtlichen Fehler und Schlampereien, die nicht mit dem Druckfehlerteufel zu entschuldigen sind, dafür treten sie viel zu gehäuft auf.

Gleich zu Beginn, da Söhre die olympischen Leichtathletikwettbewerbe aufzählt, vergißt er bei den Männern den 1500-m-Lauf und die 4X400-m-Staffel, bei den Frauen den Fünfkampf. Die Jugend läßt er schlechthin mit der 5-kg-Kugel stoßen, der Hammer wird bei ihm aus einem Kreis von 2,50 m Durchmesser geworfen (statt 2,135 m), der Hammerdraht ist bei ihm 1,22 m lang (statt 1,215 m), der Balken beim Kugelstoßen 10,2 cm hoch (statt schlichte 10 cm), der Auslauf beim 110-m-Hürdenlauf beträgt bei Sohre 14,2 m (statt 14,02), die Hürden für die 400 m sind bei ihm 91 cm hoch (statt 91,4 cm, nämlich genau 1 Yard), diejenigen für den 80-m-Hürdenlauf 76 (statt 76,2), der Wassergraben beim 3000-m-Hindernislauf sei an seiner tiefsten Stelle 90 cm (statt 76), das Hindernis auf der Bahn 91,4 (statt zwischen 91,1 und 91,7 cm)...

Kleinigkeiten? Vielleicht; aber sie scheinen symptomatisch für Sohres Buch, denn auch bei andern Sportarten zeigt er sich ähnlich gut unterrichtet. So liest man über die olympischen Straßenrennen, „meist wählt man eine Rundstrecke von 10,4 km (?) Länge, die etwa (?) vierzehnmal durchfahren werden muß“. Beim Gewichtheben verwechselt er Drücken und Stoßen; die Reihenfolge der Disziplinen beim olympischen Dreikampf wird falsch angegeben und statt Mittelschwergewicht schreibt er „mittleres Schwergewicht“.

Geradezu primitiv handelt er Langlauf und Skispringen ab (dem er ganze 17 Zeilen widmet, dem Skiflug dagegen zwei Seiten!). Da liest man denn einen Satz wie diesen: „Zwischen Schanzentisch und Aufsprung liegt der tote Punkt.“ Basta. Von der nordischen Kombination weiß er zu berichten: „Der Kombinierte wird gleichzeitig in der Einzelwertung geführt. Er kann also theoretisch drei Goldmedaillen gewinnen.“ Theoretisch – bei Helmut Söhre. Oder vom Slalom: „Der Torlauf ist die Hohe Schule des alpinen Skilaufs. Er erfordert die Beherrschung aller Schwünge.“ Oder vom Abfahrtslauf: „Als Abfahrtslauf wird ein Skirennen bezeichnet, das von einem Berg talwärts geführt wird“ (gibt’s auch die umgekehrte Richtung?) „... Je länger eine Abfahrt, desto höher die physische Beanspruchung. Gerade der Abfahrtslauf erfordert eine ausgesprochene Atemtechnik.“ Und etwas später: „Die schnellste Zeit entscheidet, Stürze zählen nicht.“ Deshalb brauche der Abfahrtsläufer „Stehvermögen“, weshalb auch Birger Ruud, der Skispringer, 1936 Abfahrtsolympiasieger werden konnte. Stehvermögen ist aber im Sport etwas anderes, als die gewiß rühmliche Kunst, stehen zu bleiben...