Bonn, im September

Paul Lücke überlegt sich, ob er das freiwerdende Amt des Familienministers übernehmen soll. Das Nachdenken scheint ebenso lange zu dauern wie im Frühjahr, als er seinen Rücktritt vom Amt des Innenministers erwog. Damals ist er schließlich von der Ministerbühne abgetreten – ein Mann, der redlich für die Wahlrechtsreform gestritten hatte und der, als er erfahren mußte, daß diese für ihn entscheidende Aufgabe der Großen Koalition nicht gelöst werden konnte, die Konsequenzen zog.

Es ist verwunderlich genug, daß Lücke jetzt wieder als Minister ins Gespräch kommt. Schon, daß der Kanzler ihm das Amt Bruno Hecks anbietet, berührt seltsam. Glaubt Kiesinger, eine Pflicht der Courtoisie erfüllen zu müssen? Meint er, es sei geboten, einer bestimmten Gruppe in der CDU entgegenzukommen? Oder will er Lücke für 1969 auf einem harmlosen Posten anbinden? Die Mehrheit der Fraktion jedenfalls scheint sich für die Rückkehr Lückes ins Kabinett nicht begeistern zu können.

Noch verwunderlicher aber ist, daß Lücke dieses Angebot nicht sogleich abgelehnt hat. Wie eigentlich will er seine Rückkehr in eine Regierung motivieren, die er vor einem halben Jahr unter Protest verlassen hat? Im Wahlrecht hat sich seither nichts geändert. Sollten die Entrüstung von damals, der staatspolitisch begründete Rücktritt nur Gesten gewesen sein – dazu geeignet, der staunenden Bevölkerung das Bild eines redlichen Politikers zu vermitteln, aber im Grunde gar nicht ernst gemeint? Oder war der Rücktritt einfach eine politische Dummheit?

Beides wäre keine Empfehlung für einen Minister. R. Z.