Von Walter Urst

Vor einigen Tagen hat die Bundesregierung bekanntgegeben, daß sie sich an dem bisher größten europäischen Projekt der reinen Forschung zu beteiligen gedenkt: dem Bau eines riesigen (300 GeV-)Protonen-Beschleunigers zur Erforschung der Elementarteilchen. Dieses Gerät wird fast zwei Milliarden Mark kosten und nach seiner Fertigstellung jährlich rund fünfhundert Millionen Mark an Betriebskosten erfordern.

Die Widerstände gegen dieses Projekt sind groß. Selbst namhafte Physiker wie Werner Heisenberg haben dagegen Stellung bezogen. Sie glauben, soviel Geld wäre an anderer Stelle oder an vielen anderen Stellen besser angewendet. Es scheint aber, als ob die Argumente der Befürworter die überzeugenderen sind: Der europäischen Wissenschaft bleibe keine Wahl, wenn sie mit der amerikanischen und der russischen mithalten will, und eine Selbstbeschränkung auf weniger teure, aber auch weniger fundamentale Forschungszweige müsse zu einer Selbstverstümmelung der Forschung führen. Letzten Endes würden dadurch auch so unbestritten wichtige Gebiete wie die angewandte Forschung und die industrielle Technik in ihrer Entwicklung betroffen.

Nachdem England vor einigen Monaten von dem Beschleuniger-Projekt zurückgetreten war, hätte es nur noch des Rücktritts der Bundesrepublik bedurft, um das ganze Unternehmen auffliegen zu lassen. Sicher haben die Physiker, die am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf schon jahrelang an den Plänen für diesen Beschleuniger arbeiten, aufgeatmet, als die – freilich noch unverbindliche – deutsche Erklärung einlief.

Ob der Beschleuniger je in der 1964 in Genf konzipierten Form gebaut werden wird, ist zweifelhaft. Seither sind in der Sowjetunion und in den Vereinigten Staaten neue Wege aufgezeigt worden, Beschleuniger billiger zu bauen. Es könnte sogar sein, daß diese Fortschritte den Ausfall des britischen Anteils wettmachen, also trotz der vielleicht geringeren Investitionssumme doch noch die ursprünglich vorgesehene Beschleuniger-Energie erreicht werden kann.

Völlig neue Beschleunigungs-Prinzipien, die in den letzten Monaten ins Gespräch gekommen sind, scheinen vergleichbare Energien bei niedrigeren Kosten erreichen zu lassen. Abgesehen von der heute noch ungeklärten Frage ihrer Verwirklichung könnte ein Beschleuniger dieser Größe jedoch allerfrühestens in fünf Jahren entworfen werden.

Die Kardinalfrage ist jetzt aber nicht wie, sondern wo der Beschleuniger gebaut werden soll. Denn der Beschleuniger wird dem Land, in dem er errichtet werden wird, Impulse geben, von deren Ausmaß die bisherigen zehnmal kleineren Maschinen in Genf und Brookhaven (USA) einen schwachen Begriff vermitteln.