I. Wie Briten und Franzosen sich Hitler beugten

Von Karl Heinz Janßen

Zwei Engländer betraten den Kölner Dom. Während der jüngere – ein Diplomat namens Kirkpatrick, der zwölf Jahre später unweit von hier als Hoher Kommissar residieren sollte – in andächtiges Staunen verfiel, kniete der andere nieder: Sir Neville Henderson, der Botschafter des Vereinigten Königreichs, betete für den Frieden in Europa. An diesem schönen Septembertag des Jahres 1938, wenige Stunden nach der ergebnislosen Godesberger Konferenz zwischen Hitler und Chamberlain, näherte sich die Deutschland der Peripetie. Überall in Europa, in Deutschland und Frankreich, in der Tschechoslowakei und sogar in der Schweiz, strömten die Männer zu den Fahnen; über den verdunkelten Großstädten huschten nachts die Scheinwerfer-Strahlen; Flakgeschütze zeigten drohend nach oben; unförmige Fesselballone hingen dicht über den Dächern.

Eine Woche danach, in den Frühstunden des 30. September, wurde das Münchner Abkommen unterzeichnet, und Henderson, der mit einigen Gleichgesinnten in Deutschland und England oft bis zur physischen Erschöpfung für den Frieden gekämpft hatte, für den Frieden um fast jeden Preis, konnte nun Premierminister Neville Chamberlain schreiben: „Millionen von Müttern werden heute abend Ihren Namen segnen, weil Sie es waren, der ihre Söhne vor dem Schrecken des Krieges bewahrte.“

Chamberlain hatte erreicht, was er wollte: Frieden. Auf Kosten eines kleinen Volkes allerdings, dessen Schicksal ihn nicht über Gebühr interessiert hatte. Und darum ist höchst zweifelhaft, ob ihm jene Botschaft im Gedächtnis haften geblieben war, die ihm zuvor der Gesandte Jan Masaryk im Namen der Tschechoslowakei überreicht hatte: „Das Volk des Heiligen Wenzel, des Jan Hus und des Thomas Masaryk wird kein Sklavenvolk werden. Wir vertrauen nun auf die beiden großen Demokratien des Westens, deren Wünschen wir entsprochen haben – des öfteren gegen unsere eigene Überzeugung –, daß sie uns in der Stunde der Bewährung beistehen werden.“

Die Fünfte Kolonne

Schimpf und Schande ergossen sich späterhin, bis in unsere Tage, über die britischen „Appeasers“ und ihre französischen Komplizen. Aber „München“ ist ein falsches Etikett. Das Todesurteil über die erste tschechoslowakische Republik, über den letzten demokratischen Rechtsstaat, der damals noch in Südosteuropa übriggeblieben war, dieses Urteil wurde bereits vorher vollstreckt. München war nur der zweite Akt jenes Dramas, das 1939 mit dem Einzug Hitlers in Prag endete. Der erste Akt hieß Berchtesgaden.