Unglaublich klingt, was eine jetzt von der Stiftung Volkswagenwerk veröffentlichte Studie über den Lehrermangel in den naturwissenschaftlichen Fächern in der Bundesrepublik bis zum Jahre 1980 enthüllt. Die sorgfältige Untersuchung, in der alle nur denkbaren Einflüsse auf das Ergebnis berücksichtigt worden sind, kommt selbst im günstigsten Fall auf die Zahl von 45 000 Lehrern, die uns im Jahre 1980 fehlen werden, um einen angemessenen naturwissenschaftlichen Unterricht zu gewährleisten.

Angesichts dieser erschreckenden Entwicklung hat das Kuratorium der Stiftung Volkswagenwerk ein 75-Millionen-Mark-Programm beschlossen, um die Katastrophe wenigstens teilweise abwenden zu helfen. Mit dem Betrag sollen deutsche Studierende, die in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern die Befähigung für Lehramt am Gymnasium anstreben, während Studiums und des sich anschließenden Vorbereitungsdienstes finanziell unterstützt werden. Im Rahmen dieser größten je von der VW-Stiftung beschlossenen Aktion werden steuerfreie Studienstipendien vergeben, die je Stipendiat bei 125 Mark monatlich während des fünften bis neunten Fachsemesters liegen. Und ein Referendar kann mit einem Gesamtzuschuß bis zu 3000 Mark für seine Ausbildungszeit rechnen. Die Beträge sind nur dann zurückzahlbar, wenn die Empfänger nicht eine angemessene Zeit im Schuldienst tätig sind.

Der großzügige Entschluß des Kuratoriums der Stiftung wird von all denen wärmstens begrüßt werden, die die Entwicklung der Dinge seit der nachgerade zu einer Herausforderung an den gesunden Menschenverstand gediehenen „Saarbrückener Rahmenvereinbarung“ der Kultusminister aus dem Jahre 1960 mit Sorge verfolgt haben. Durch diese Vereinbarung, die noch immer nicht revidiert ist, wurden seinerzeit die naturwissenschaftlichen Fächer Physik, Chemie und Biologie in allen nicht-mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasien in sogenannte Wahlpflichtfächer umgewandelt. Das heißt, die Primaner brauchen sich seither nur eines dieser Fächer auszusuchen. In den mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasien dagegen ist als einziges „Kernpflichtfach“ die Physik übriggeblieben. Auch in diesen Schulen sind Chemie und Biologie zu Wahlfächern erklärt worden.

Diese von den deutschen Kultusministern vereinbarte Vernachlässigung eines großen Bereiches menschlicher Kultur an unseren Schulen hat gewiß dazu beigetragen, daß der Beruf des Lehrers für Naturwissenschaften heute keine große Attraktion mehr auf die Abiturienten ausübt. So sind wir in den Teufelskreis geraten, aus dem uns das Stipendium der VW-Stiftung allein wohl kaum herausbringen kann: Für den ohnehin schon verkümmerten Unterricht in den Fächern Mathematik, Physik, Chemie und Biologie stehen jetzt nicht einmal mehr genug Lehrer zur Verfügung; dieser Mangel wird immer größer, folglich der Unterricht in diesen Fächern immer lückenhafter; mithin nimmt der Verfall der wissenschaftlichen Bildung in unserem Lande rapide zu.

Nach Ablauf von sieben Jahren liegen die ersten repräsentativen Untersuchungen darüber vor, wie sich die Rahmenvereinbarung ausgewirkt, um nicht zu sagen, was sie angerichtet hat. Eine der wichtigsten Fragen ist: Wie haben sich die Schüler hinsichtlich der Wahlmöglichkeit verhalten? Eine nicht minder wichtige Frage ist, mit welchem geistigen Rüstzeug unsere Primaner heute ins Leben und damit in eine Zukunft entlassen werden, die nicht nur bei uns immer mehr von Naturwissenschaft und Technik durchdrungen sein wird, sondern auch in eine Zukunft, in der sie Gleichaltrigen aus Ost und West mit einem unvergleichlich höheren Bildungsniveau in diesen Fächern Paroli zu bieten haben werden.

Eine der eingehendsten Untersuchungen über diese Fragen stammt von dem Heidelberger Wissenschaftler Fritz Knievel und ist im Septemberheft 1968 der Naturwissenschaftlichen Rundschau nachzulesen. Da heißt es unter anderem, daß die Primaner des der Analyse zugrunde liegenden Gymnasiums, falls sie als Altsprachler Englisch wählten, in den beiden Anschlußklassen ;änzlich ohne naturwissenschaftlichen Unterricht „lieben. Knievel kommt zu dem Schluß, daß die Wahl des naturwissenschaftlichen Faches in der lege! nicht aus Interesse an diesem Fach getroffen werde, sondern die Strategie der Schüler bei der Fachwahl sich an den Abiturbestimmungen und den Erfordernissen des numerus clausus orientiere. Wie alle Kritiker der Saarbrückener Beschlüsse beklagt sich auch Knievel mit Recht larüber, daß die Aufsplitterung der Naturwissenschaften in Wahlfächer in völliger Verkennung der Tatsache verfügt worden sei, daß gerade diese Fächergruppe innerlich außerordentlich stark verzahnt ist. Die geschaffene Situation ieße für den Schüler keine sinnvolle Entscheidung mehr zu, es sei denn die Abwahl aller Naturwisenschaften bei den Altsprachlern, erklärt Knievel.

In einer weiteren Untersuchung über das Veralten der Gymnasiasten aller Bundesländer Zeichen 1965 und 1966 kommt der Leiter des Intitutes für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel, Professor Karl Hecht, zu ähnlichen Ergebnissen. Hecht fand, daß die Chemie von den Primanern auf Grund der Neuordnung der Oberstufe am wenigsten betrieben wird. Etwa die Hälfte aller Primaner“, faßt er zusammen, hatten in den beiden letzten Klassen der Gymnasien weder Physik- noch Chemieuntericht. Dieses Ergebnis steht im krassen Widerspruch zu einer zeitgerechten Vorbereitung von Abiturienten, die mündig genug sind, die Probleme der Zukunft zu bewältigen. Keiner von Ihnen kann sich der Verpflichtung und der Verntwortung entziehen, an diesen Aufgaben mituwirken; und die Schule muß ihnen das notwendige Rüstzeug mit auf den Weg geben.“ Hecht kommt zu dem Ergebnis, daß „diese richtige Aufgabe für die Primaner der Gymnasien nicht gelöst ist“.

In dieser Situation möchte man dem Kar’.suher Kybernetiker Professor Karl Steinbuch echt geben, der behauptet, das deutsche Gemüt ziehe die Gartenlaube dem Computer vor. Als Humanist gelte hierzulande, sagt Steinbuch, wer seinen Homer im Urtext lesen könne und nicht, wer dem Menschen der Zukunft Hilfe bringen wolle. Die literarische Kultur beherrsche unsere Bildungspolitik und zerstöre die Existenzgrundlagen unserer Gesellschaft.

Tatsächlich scheint sich in der jungen Generation so etwas wie Wissenschaftsmüdigkeit auszubreiten. Es wird heute offenbar lieber diskutiert, als sachlich die Voraussetzungen dessen erarbeitet, für das oder gegen das man zu Felde ziehen will. Man hegt Mißtrauen gegenüber wissenschaftlichem Denken, wie unlängst in Tübingen demonstriert wurde, als Studenten dagegen protestierten, daß die Psychologie sich zu sehr an empirischen Daten orientiere, also zu naturwissenschaftlich sei.

Eine solche, gegen die exakten Wissenschaften gerichtete Grundhaltung ist in unserem von den Ergebnissen der Naturforschung und deren technischen Anwendungen so stark geprägten Zeitalter unweigerlich auch eine gegen den geistigen wie den materiellen Fortschritt gerichtete Haltung. Die viel beklagte technologische Lücke ist nur eines von vielen Symptomen für die daraus resultierende kulturelle Paralyse. Ein anderes Symptom ist die Abwanderung der deutschen Physiker, Chemiker und Biologen nach den USA. Symptomatisch ist vor allem aber die bestürzende Tatsache, daß wirklich bahnbrechende Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Forschung und der Forschung auf solchen Gebieten, auf denen die naturwissenschaftliche Methode anwendbar ist – zum Beispiel in der Medizin oder in der Psychologie –, fast nur noch außerhalb Deutschlands erzielt werden.

Niemand kommt um die Einsicht herum: Im selben Maß, in dem ein hochentwickelter Staat seine Naturwissenschaften vernachlässigt, verliert er an internationaler Bedeutung, schmälert er seine wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit und legt damit die Axt an die Wurzeln seiner Existenz.

Hinzu kommt noch dies: „Wir alle“, heißt es in einer Broschüre der Stiftung Volkswagenwerk „sind nicht nur Nutznießer des naturwissenschaftlichen Fortschritts, sondern möglicherweise auch seine Opfer. Im Bereich der Atomphysik sind diese Fragen bereits ins allgemeine Bewußtsein gedrungen. Sie stellen sich aber auch in der einen oder anderen Form für die anderen Naturwissenschaften. Heute haben zum Beispiel die Ergebnisse der Molekularbiologie lediglich akademischen Wert, aber schon morgen werden wir uns vielleicht Gedanken darüber machen müssen, wie man dem Mißbrauch von gezielten Veränderungen menschlicher Erbeigenschaften vorbeugen kann. Ob die Gesellschaft solche vorbeugenden Maßnahmen gegen mögliche schädliche Nebenwirkungen des rapide wachsenden wissenschaftlichen Fortschritts zu treffen vermag, wird vor allem von ihrem Bildungsgrad abhängen, davon nämlich, ob der Nichtwissenschaftler in der Lage ist zu verstehen, was in den Labors der Naturwissenschaftler geschieht. Das setzt naturwissenschaftliches Grundwissen voraus, das die Schule vermitteln muß.“

Um dieses Grundwissen zu vermitteln, sind jedoch geeignete Lehrer erforderlich. Wenn aber nichts geschieht, so wird im Jahre 1980 die heute schon klaffende Lehrerlücke sich auf das Dreifache vergrößert haben. Es werden dann, um diese Zahl zu wiederholen, mindestens fünfundvierzigtausend Lehrer mit einer Lehrbefähigung für naturwissenschaftliche Fächer fehlen.

Die Berufschancen für Lehrer in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie sind also die denkbar besten. Die Berufsausbildung wird jetzt durch das Stipendium der Stiftung Volkswagenwerk erleichtert. Wüchse nun noch die Einsicht, daß die bei uns so weit verbreitete und staatlich geförderte Halbbildung die geistige und materielle Wohlfahrt unserer Nation aufs äußerste gefährdet, dann dürfte man noch hoffen, daß wir dem Schicksal, zu einem Entwicklungsland zu degenerieren, entrinnen können. Theo Löbsack