Von Gottfried Sello

Wer bei der documenta nicht auf seine Kosten gekommen ist, der möge sich nach Darmstadt bemühen. Hier findet er, was ihm in Kassel aufs ganze gesehen vorenthalten, was ihm nur ausnahmsweise geboten wurde: „Menschenbilder“.

Es hat, kaum daß die 4. documenta in Umrissen erkennbar wurde, nicht an Plänen gefehlt, eine Gegen-documenta zu inszenieren. Was dabei herausgekommen ist. die kleinen Privatausstellungen in Kasseler Werkstätten und Geschäftsräumen, rechtfertigen nicht das Geschrei, mit dem sie angekündigt wurden.

In Darmstadt ist die Sache anders gelaufen, ohne Geschrei und ohne Polemik. Man hat sich von der documenta das eigene Konzept nicht vorschreiben lassen, auch nicht negativ in dem Sinne, als ob man mit der Ausstellung „Menschenbilder“ in der Kunsthalle eine Gegenposition beziehen wolle. Die hier versammelten Menschenbilder, 200 Arbeiten von 97 Künstlern aus der ganzen Welt, vorwiegend aus der westlichen Hälfte, sollten dem 10. Darmstädter Gespräch, in dem drei Tage lang (vom 28. bis zum 30. September) über „Mensch und Menschenbilder“ diskutiert wurde, das nötige Anschauungsmaterial an die Hand geben. Daß die Ausstellung tatsächlich eine Alternative zur documenta anbietet, eine von mehreren denkbaren Alternativen, ist ein unbeabsichtigter Nebeneffekt, der sich allerdings bei dem Thema für das Gespräch und für die Ausstellung automatisch einstellt. Menschenbilder finden sich vorwiegend in den Regionen zeitgenössischer Kunst, die von der documenta beiseitegelassen oder zum mindesten kurz gehalten wurden, bei den Realisten und Surrealisten.

Beim Menschenbild hat das Darmstädter Gespräch einmal eingesetzt. „Das Menschenbild in unserer Zeit“ hieß das Thema des 1. Gesprächs. Das war 1950, als das öffentliche Diskutieren noch in seinen glücklichen Kinderschuhen steckte, round table ein noch unerprobtes, verheißungsvolles Medium der Meinungsbildung war mit der Gloriole demokratischer Erneuerung, keine Sache der Routiniers und Professionellen. Es wurde damals leidenschaftlich und beneidenswert unbeholfen darum gekämpft, das verlorene Menschenbild (verloren, wie Sedlmayr hämisch konstatierte, in der Polarität von gegenständlich und abstrakt) neu zu etablieren, wobei sich die Anhänger auf die vage Formel zurückzogen, daß sich der Mensch künstlerisch nur noch als „kosmisches Wesen“ realisieren lasse, und die Gegner behaupteten, der Mensch sei für die Kunst irrelevant geworden und existentielle Aussagen seien wenn überhaupt, dann nur in der abstrakten Kunst zu bewerkstelligen.

Es ist an der Zeit, das Thema neu zur Diskussion zu stellen, nachdem die Kunst in eine Phase geraten ist, die man summarisch als nachabstrakt zu bezeichnen pflegt. Nur daß 1950 über „das Menschenbild“ gesprochen wurde und 1968 über „Menschenbilder“.

Der Singular impliziert einen Anspruch auf Würde, auf zeitlose Gültigkeit, er ruft geradezu einen Sedlmayr auf den Plan, der den Verlust eben dieses Menschenbildes beklagt. Der Plural bekundet skeptische Distanz, Wertfreiheit, die Bereitschaft, Fakten zu registrieren, die Vielfalt der Bilder, der Vorschläge und Ansichten nicht auf einen gemeinsamen menschlichen Nenner zu reduzieren. Das Menschenbild ist eine Hypothese, Menschenbilder bedeuten konkrete Lösungen. Es wurde in Darmstadt, was die von Bernd Krimmel vorgenommene Auswahl der Bilder betrifft, nach extrem pluralistischem Prinzip verfahren, um auch nur den Anschein zu vermeiden, als ob hier ein verbindliches normatives Bild des Menschen präpariert werden solle. Krimmel hat stilistisch und ideologisch alles hereingenommen, was zum Thema gehört, also etwa den sozialistischen und den phantastischen Realismus, die zum erstenmal in einer Ausstellung und unter einem Dach koexistieren. Und er hat, um das seriöse Darmstädter Gespräch aufzulockern, Dinge untergemischt, die nicht zum Thema gehören, die den Begriff Menschenbild in Frage stellen, ihn als philiströses Vorurteil demaskieren.