Von Ende 1963 bis zum 20. August 1968 sind insgesamt 20 Millionen Tonnen sowjetisches Erdöl durch die „Leitung der Freundschaft“ in das Tanklager beim Verarbeitungswerk Schwedt geflossen. Das wirkt imponierend, ist jedoch gemessen an der Ölmenge, die die DDR-Industrie eigentlich verarbeiten müßte, um international mithalten zu können, recht wenig.

Als die „Leitung der Freundschaft“ von der Ingenieur-Ökonomin Gisela Ufer in Betrieb gesetzt wurde, war der westdeutsche Vorsprung bereits groß. 1963 verarbeitete die Bundesrepublik Deutschland rund 47 Millionen Tonnen Erdöl, die DDR dagegen trotz aller wissenschaftlichen Perspektivplanung der SED erst etwa 3 Millionen Tonnen. Dieses Verhältnis von ungefähr 16:1 hat sich bis 1967 trotz einer Verdoppelung der mitteldeutschen Verarbeitungsleistung nur auf etwa 11:1 verringert und dürfte 1970 nach den vorliegenden Plänen bzw. Verbrauchsschätzungen bei 10:1 liegen. Das heißt, auch 1970 wird die Bundesrepublik noch zehnmal so viel Erdöl verarbeiten wie die DDR, obgleich ihre Einwohnerzahl nur dreimal so groß ist.

In den vergangenen Jahren haben sich Erdölimport und Ölverarbeitung in der DDR nicht ganz planmäßig entwickelt. So war der Rückgang der Einfuhr aus der UdSSR im Jahre 1967 gewiß unplanmäßig. Das dürfte freilich weniger an den Lieferanten, als vielmehr an der unzureichenden Entwicklung der Verarbeitungskapazitäten in der DDR gelegen haben. Das Erdölverarbeitungswerk Schwedt, auf das fast zwei Drittel der gesamten Verarbeitungskapazität der DDR entfallen, sollte Ostberliner Pressemeldungen zufolge schon 1967 rund 4,5 Millionen Tonnen Erdöl verarbeiten, kommt aber 1968 – nach Mitteilung des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ – erst auf 4,35 Millionen Tonnen. In Schwedt soll 1969 die dritte Rohöldestillationsanlage die Arbeit aufnehmen. Dazu dient die vereinbarte Steigerung der sowjetischen Rohöllieferungen um 16 Prozent sowie die Eile beim Ausbau der Pipeline zum Rostocker Überseehafen.

Die Umschlagskapazität dieses Hafens (jährlich schätzungsweise 2,5 Millionen Tonnen Importerdöl) wird bis zur Fertigstellung der zweiten aus der UdSSR kommenden Pipeline zur Versorgung der Schwedter Raffinerie benötigt. Der Transport mit Kesselwagen ist aber fast zehnmal so teuer wie der Transport des Erdöls durch eine Pipeline. Ohnehin mußten in Rostock Ende 1967 täglich fast 200 Kesselwagen zur Versorgung der Verarbeitungsbetriebe in Leuna, Espenhain, Rositz und Ruhland abgefertigt werden. Nach dem Ölhafen Rostock-Petersdorf rollen außerdem Waggons mit Schweröl aus Schwedt für die Handelsflotte der DDR. Die neue, reichlich 200 Kilometer lange Pipeline von Schwedt nach Rostock, die im Sommer 1969 fertig sein soll, wird sowohl Fertigprodukte zum Hafen als auch Rohöl nach Schwedt transportieren.

Hauptstück des Leitungsnetzes in der DDR ist die mehr als 300 Kilometer lange Pipeline von Schwedt zum petrochemischen Werk Leuna II. Sie wurde Ende 1967 in Betrieb genommen, übrigens zusammen mit einer Kraftstoffleitung von Schwedt zu einem Tanklager des VEB Minol bei Berlin. Vorgesehen ist ferner, das Werk Leuna II durch Pipelines mit dem Mineralölwerk Lützkendorf und den Betrieben in Zeitz und Böhlen zu verbinden. Das Kombinat „Otto Grotewohl“ in Böhlen, das früher ausschließlich Braunkohle veredelt hat, nahm Anfang 1968 die Verarbeitung sowjetischen Erdöls im Dauerbetrieb auf und soll im laufenden Jahr 500 000 Tonnen Öl durchsetzen.

In anderen Industriezweigen der DDR macht sich das Erdöl nur zögernd bemerkbar. Zur Abdeckung des Spitzenbedarfs einiger Verbrauchsschwerpunkte wurden die ersten kleinen Heizölkraftwerke in Betrieb genommen. Die Eisen- und Stahlindustrie verwendet zum Teil Heizöl. Jetzt wurde beschlossen, das nach Kriegsende mit erheblichem Aufwand aufgebaute Werk in Calbe, das aus den armen Eisenerzen des Harzes und aus Koks, der aus Braunkohle gewonnen wird, in 17 Jahren insgesamt 4,5 Millionen Tonnen Roheisen erzeugt hat, stillzulegen. An seine Stelle soll eine Fertigungsstätte für den Metall-Leichtbau treten. Die bis 1970 auf rund 10 Millionen Tonnen ansteigenden Erdölimporte der DDR sollen die unwirtschaftliche Verkokung von Braunkohle ablösen. Vermutlich dürfte davon auch die entsprechende Anlage des Braunkohlenveredlungskombinats „Schwarze Pumpe“ betroffen werden.

Während die Erdölverarbeitung in der DDR langsam Fortschritte macht, ist es um die ehrgeizigen Pläne zur Erdölförderung still geworden. Dem Sieben jahresplan zufolge sollte 1965 bereits mindestens eine Millionen Tonnen Erdöl in Mecklenburg und in der Umgebung Berlins gefördert werden. Parteidichter Kurt Bartels (Kuba) hatte auf diese Glanzleistung bereits ein dramatisches Poem verfaßt, das 1964 während der Ostseewoche in Rostock unter dem Titel „Terra incognita“ uraufgeführt wurde und allerhöchsten Beifall fand, weil es messerscharf nachwies, daß man Erdöl finden kann, wenn es die Partei anordnet. Kuba sagte – freilich ungewollt – so nebenbei das Schicksal der Erdölsucher voraus: