Von Hang von Kuenheim

Bielefeld

Oh, wie atmete er erleichtert auf, Herbert Hinnendahl, Bielefelds Oberbürgermeister. Die Spannung wich aus seinem Gesicht, keiner der Journalisten hatte jenes Wort fallen lassen, das ihn in peinliche Verlegenheit hätte bringen können: Der Name Kaselowsky fiel nicht. Gefragt wurde auf der Pressekonferenz, die zur Eröffnung von Bielefelds neuer städtischer Kunsthalle abgehalten wurde, die den Namen Kaselowsky-Haus trägt, nach Preisen und nach den Plänen des Museumsdirektors. Die unbewältigte Vergangenheit blieb in dem neuen Haus unerörtert.

Herbert Hinnendahl ist ein braver Lokalpolitiker und ein aufrechter Sozialdemokrat. Doch die Aufgabe, die sprichwörtliche Weisheit, einem geschenkten Gaul nichts ins Maul zu schauen, mit der unbewältigten Vergangenheit seiner 150 OOO-Seelen-Provinzstadt in Einklang zu bringen, überforderten den guten Mann.

Da ist das Haus Oetker („Wendiger David unter den internationalen Großkonzernen“; Backpulver, Eiskrem, Bier, Sekt, Banken, Fische, Schiffe, Versicherungen, Sanatorium; geschätzter Umsatz über eine Milliarde Mark) mit seiner in Bielefeld beheimateten Konzernleitung. Und das Haus Oetker ist großzügig und übt sich in Mäzenatentum. 1928 stiftete es der Stadt die „Rudolf-Oetker-Halle“, durch die das Musikleben in Bielefeld einen beachtlichen Aufschwung nahm. Jetzt schenkte es der Stadt die neue Kunsthalle, einen Bau, der zwar von außen aussieht wie ein überdimensionales Kriegerdenkmal, wohl aber in der Geschichte der Museumsbauten einen ersten Platz einnehmen wird, und für den Oetker über zehn Millionen Mark dedizierte. Ein Geschenk, das Bielefelds Oberbürgermeister und seine Ratsherren zu würdigen wußten: Sie entsprachen einstimmig dem Wunsch des Spenders, das Haus nach seinem Stiefvater zu benennen. Sie nannten das Kunsthaus Richard-Kaselowsky-Haus. Viel gedacht werden sie sich dabei nicht haben. In Bielefeld rangiert der Name Oetker wenn auch nicht vor dem lieben Gott, so doch gleich dahinter. Oetkers Wunsch war ihnen Befehl. Und schließlich hatte der Name Kaselowsky keinen schlechten Klang bei den Bielefeldern. Er leitete das Haus Oetker nach dem Ersten Weltkrieg und machte sich um die „wirtschaftlichen und kulturellen Belange der Stadt Bilefeld verdient“ und interessierte sich überdies für den „Aufbau der städtischen Sammlungen“.

Wenn da nun nicht die „Linke Baracke“ gewesen wäre. Nichts hätte die westfälische Provinzstadt aus der Ruhe bringen können. Mit vielen schönen Reden, Dankessprüchen, feierlichem Schwarz, Lorbeerbäumen und ernster Musik hätte Bielefeld seinen großen Tag gehabt. So aber brachte eine Handvoll junger Leute es fertig, daß sich die Stadt plötzlich mit der Vergangenheit konfrontiert sah. Die jungen Leute nämlich fanden heraus, daß Richard Kaselowsky während des Dritten Reiches dem „Freundeskreis des Reichsführers SS“, kurz „Himmlerkreis“, angehörte. Und sie schrieben, daß sie Richard Kaselowsky für mitverantwortlich an den Greueltaten des Faschismus hielten; ein Mann schließlich, der Parteimitglied seit 1933 gewesen sei. Nichts hätten sie dagegen, wenn das Haus Oetker ein Privathaus nach Richard Kaselowsky benenne, aber ein städtisches Haus? Die Studenten der kirchlichen Hochschule Bethel protestierten: „Das Argument, daß Herr Kaselowsky durch seinen Tod (im Familienbunker) seine politische Einstellung gesühnt habe (er starb bei einem Luftangriff im Jahre 1944, d. R.), ist ein Hohn auf jene, die im Kampf gegen das von Herrn Kaselowsky unterstützte Regime ermordet wurden.“

Bielefelds Politiker stellten sich taub. Eine öffentliche Diskussion lehnten sie ab. Der Bürgermeister wich einem Gespräch mit der „Linken Baracke“ aus. Das Haus Oetker wenigstens versuchte zaghaft in langen. Telephongesprächen die hartnäckigen Frager zu überzeugen, daß Kaselowskys braune Weste so braun nicht gewesen sei. Sie verharmlosten Kaselowskys Rolle im Freundeskreis, der nach Darstellung eines ihrer Gründer, des Hamburger Kaufmanns Emil Helfferich, ein „Herrenklub“ war, in den nur solche Wirtschaftsführer aufgenommen wurden, deren „Integrität man sicher zu sein glaubte“. Eine Spendenaktion der Mitglieder führte dem Reichsführer der SS jährlich eine Million Mark zu. Es war – alles in allem – eine Mitgliedschaft, die ihren Träger nicht unbedingt in einem strahlenden Licht erscheinen läßt.