Georg Borgstrom: Der hungrige Planet. Bayerischer Landwirtschaftsverlag GmbH, München, Basel, Wien, 1967; 312 S., 29,– DM.

Ende September meldete die Weltbank Erfolge mit neugezüchteten Getreidesorten, die den doppelten bis dreifachen Ertrag ermöglichen. Ein Sieg im Kampf gegen den Hunger in der Welt?

Nach der Lektüre des Buches "Der hungrige Planet" bleibt man skeptisch. Borgstrom warnt vor der Überschätzung solcher Neuigkeiten. Oft ist eine mengenmäßige Steigerung mit einer Abnahme des Proteingehalts verbunden. Gerade aber die Aufbaustoffe des Proteins sind für den Menschen lebensnotwendig. Den menschlichen Körper vergleicht der Autor mit einer Verbrennungsmaschine, die neben den Kalorien als "Treibstoff" auch Proteine als "Schmierstoff" benötigt.

Ohne Proteine bleibt der Mensch träge und erträgt sein Schicksal mit stoischem Fatalismus. Diese Lebenshaltung, die gerade in den Entwicklungsländern zu beobachten ist, hat nach Ansicht Borgstroms nichts mit einer naturgegebenen Mentalität dieser Völker zu tun, sondern ist ein Relikt aus der Kolonialzeit. Die vorgefundene Nahrungsmittelproduktion wurde von den imperialistischen Mächten entsprechend den eigenen Interessen umstrukturiert. Die Völker der Kolonien hatten zu Zeiten, da die Europäer noch Barbaren waren, Hochkulturen mit einer differenzierten Lebensmittelproduktion. Durch die neuen Herren wurde sie oft wieder zerstört.

Aber das Problem der Ernährung stellt sich nicht nur den jungen Staaten der Dritten Welt. Auch das privilegierte Siebtel der Weltbevölkerung wird bald mit unerfreulichen Realitäten konfrontiert werden, warnt der Autor. Wird beispielsweise nicht bald etwas gegen die Verschwendung des Grundwassers in Südtexas unternommen, dann sind die Reserven in dreißig Jahren erschöpft. Als einzige Möglichkeit, der Verwüstung zu begegnen, bleibt nach Borgstroms Meinung nur die Entsalzung und Verwendung des Wassers aus dem Golf von Mexiko. Dafür wären 15 000 Anlagen in Südtexas notwendig, "von denen jede annähernd Umfang und Volumen der größten chemischen und synthetischen Werke in den USA haben müßte".

Mit dem Hunger wächst die Selbstbedrohung der Menschheit. Um den Hunger nicht nur momentan, sondern auch zukünftig zu bannen, sind jährlich Investitionen von rund zehn Milliarden Dollar notwendig. Diese Summe entspricht allerdings weniger als fünf Prozent des Geldes, das gegenwärtig in der Welt für militärische Zwecke, einschließlich des Raketenbaus, ausgegeben wird. Neben diesen Investitionen fordert der Autor eine drastische Herabsetzung der Geburtenziffer. Er entlarvt das Scheinargument der Dezimierung der Weltbevölkerung durch Kriege. Der Gesamtverlust von 40 bis 50 Millionen Menschen im Zweiten Weltkrieg ist geringer als der augenblickliche Weltzuwachs von 70 Millionen jährlich. Einzig die ABC-Waffen können noch eine Massenausrottung bewirken. Aber abgesehen von allen humanitären Überlegungen – ihre Anwendung würde sich auch gegen den wenden, der sie einsetzt.

Das Buch entstand aus einer Reihe von Rundfunkvorträgen. Die 22 in sich geschlossenen Artikel analysieren das vielschichtige Problem des Hungers. Borgstroms Aussagen fußen auf umfangreichen Statistiken. Jedem Kapitel ist ein Literaturverzeichnis nachgestellt, das auch Publikationen aus jüngerer Zeit enthält. Der Autor wird dem vielschichtigen Thema aus biologischer, ökonomischer, geographischer und soziologischer Sicht gerecht. Er vermeidet eine Überbewertung momentaner Strömungen und bezieht die Vielfalt in einen großen Zeitraum ein. Trends und die notwendigen Konsequenzen werden so deutlicher sichtbar.

Ob Borgstrom ebenso wie sein großer Vorgänger, der Pessimist Malthus, von der Geschichte widerlegt wird, wissen wir noch nicht. Daß die Probleme der Übervölkerung dieser Welt aber drängender sind als je zuvor, ist kaum zu bestreiten. ra.