Von Lorenz Stucki

Der industrielle Durchbruch der Chemie erfolgte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1856 wird in Amerika erstmals das Verfahren zur Kondensierung der Milch angewendet. Im gleichen Jahr entdeckt William Perkin das Anilin-Mauvein, den ersten aus Steinkohlenteer gewonnenen Farbstoff. Mit Farben und Lebensmitteln fängt die chemische Industrie an. In den Farbenchemie wurden die entscheidenden ersten Erfindungen und Entdeckungen wiederum in England gemacht, vor allem von A. W. Hofmann und seinem Schüler William Perkin. Perkin, erst achtzehnjährig, arbeitete tags am Royal College of Chemistry in London, abends setzte er seine Forschungen in einem zu Hause notdürftigst eingerichteten Laboratorium fort – dort entdeckte er auch beim Versuch, Chinin künstlich aus Anilin herzustellen, das Mauvein. Er hatte das Glück, einen aufgeschlossenen und zugleich vermögenden Vater zu haben, der ihm Geld gab zur Errichtung einer kleinen Fabrik in Greenford-Green, wo er seine chemische Farbe als Handelswaren herstellen konnte. Es war die erste Anilinfabrik der Geschichte. Wenig später entdeckte Professor Hofmann das Rosanilin, die „Muttersubstanz aller Anilinstoffe“, wie die Chemiker sagen.

Neben englischen waren auch französische Wissenschaftler in dieser Entwicklung führend. Die ersten Entdeckungen gelangen experimentell, manchmal zufällig. So wollten Vater und Sohn Gerber-Keller in Dornach bei Mülhausen im noch französischen Elsaß einen blauen Farbstoff herausbringen, produzierten dabei aber das rote Azalein. Um die neuen Farben industriell zu produzieren und diesen neuen Sektor der Chemie wirtschaftlich rationell zu entwickeln, bedurfte es jedoch der systematischen wissenschaftlichen Durchdringung. Und genau das versäumten die Engländer und Franzosen. Es gab Forschungslaboratorien, aber Institute für angehende Chemiker gab es nicht.

Das war die Chance der Deutschen. Daß sie an den künstlichen Farben ungleich interessierter waren als die Engländer, hat einen weltpolitischen Hintergrund: England bezog die natürlichen Pflanzenfarbstoffe billig und in beliebigen Mengen aus seinen tropischen Kolonien. Deutschland hatte bis 1884 keine Kolonien und auch von da ab kaum eigene Farbstoffe. 1895 importierte es noch für 21,5 Millionen Mark Natur-Indigo, das hauptsächlich in Britisch-Indien gepflanzt wurde. 1905 exportierte es für 25,7 Millionen Mark chemisches Indigo. Das wurde möglich erstens durch den Umstand, daß Deutschland bis 1877 noch keinen allgemeinen Patentschutz kannte und sich die englischen und französischen Entdeckungen ungehemmt aneignen konnte, zweitens durch intensiven Ausbau der chemischen Forschung und der Produktionsverfahren: die Badische Anilin- & Sodafabrik und die Hoechster Farbwerke investierten 27 Millionen Mark allein in der Ausarbeitung des Produktionsverfahrens für synthetisches Indigo, während Perkin und andere englische Erfinder kein Geld auftreiben konnten für Forschung und für den Aufbau von Fabriken. Auch besaß Deutschland einen viel breiteren Nachwuchs an ausgebildeten Chemikern als England, nachdem Justus Liebig schon lange vor der Entdeckung der Chemiefarben an der Gießener Universität die Errichtung eines Unterrichtslaboratoriums gegen alle konservativen Widerstände durchgesetzt hatte. Und nun wurde die wissenschaftliche Ausbildung von Chemikern überall in Deutschland mit Energie an die Hand genommen. In wenigen Jahrzehnten stand Deutschland in der Chemie-Industrie mit weitem Abstand an der Spitze der Welt.

War die Vernachlässigung der Chemie in England noch halbwegs verständlich, so ist die Art und Weise, wie Frankreich sich seiner eigenen Erfolge beraubte, geradezu grotesk. Das französische Patentgesetz von 1844 schützte nicht, wie es sonst überall üblich war, das Herstellungsverfahren, sondern das Produkt, also nicht den Wissenschaftler und Erfinder, sondern die Produktionsfirma. Als nun der erwähnte Azalein-Entdecker Gerber-Keller sein chemisches Rot patentieren lassen wollte, führte die Lyoner Fabrik Renard Fréres einen Prozeß gegen ihn, weil ihr Fuchsin im Farbton ähnlich war. Gerber verlor den Prozeß und mit ihm wußten nun alle französischen Chemiker, daß sie in Frankreich nichts zu hoffen hatten, auch wenn sie in rationelleren Verfahren bessere Farbstoffe herzustellen vermochten. Einige französische Chemiker wanderten nach Deutschland und Belgien aus, die meisten in die Schweiz, vor allem nach Basel.

Die Schweiz besaß bis 1887 überhaupt kein Patentgesetz und klammerte danach noch bis 1907 die Chemie aus dem Patentschutz aus. Zudem bestand in der Schweiz mit ihrer hochentwickelten Baumwoll-, Baumwolldruck-, Stickerei und Seidenindustrie ein bedeutender Markt für Farbstoffe. Auch das wichtigste Rohmaterial war vorhanden: genau zu dieser Zeit nämlich setzte sich Gas als Straßenbeleuchtungsmittel durch. Es waren die Teer-Rückstände der Gaswerke, aus denen die Chemiker ihre Farben herstellten.

Daß die Chemiker hauptsächlich nach Basel kamen, hat einige mehr oder weniger plausible Gründe: es war eine Grenzstadt (ein paar kamen auch nach der anderen Grenzstadt: Genf), es besaß eine große Seidenbandindustrie und lag in der Nähe der elsässischen und schwarzwäldischen Baumwollindustriegebiete, es besaß alte ausgebaute Handelsbeziehungen zu Frankreich, und es floß ein großer Strom hindurch, der die chemischen Abfälle schnellstens aus dem Lande tragen konnte. Ebenso wichtig, jedoch den Chemikern kaum bewußt, höchstens dann den Geldgebern, war etwas anders: Das französische „Eigengoal“ verhinderte eine Rationalisierung und Qualitätssteigerung der französischen Farbenchemie, wie sie nun in anderen Ländern möglich wurde, und deshalb waren die Farben bald in Basel so viel besser und vor allem billiger, daß sich ein schwungvoller Farbenschmuggel über die nahe Grenze entwickelte.

In den allerersten Anfängen besaß die Farbenchemie noch den Charakter eines „Handwerks mit Kesseln und Retorten“ in merkwürdiger Mischung von alchimistischer Zauberei, moderner Naturwissenschaft und altmodischer Färberei. Der erste, der 1859 in Basel fabrikmäßig chemischen Farbstoff (Fuchsin) herstellte, war Alexander Clavel, ein aus Lyon gebürtiger, aber schon lange in Basel ansässiger Färber für die Textilindustrie. Sein normaler Betrieb ging gleichzeitig weiter, und soweit die Kundschaft nicht Fuchsinfarben verlangte, färbte er nach wie vor mit Pflanzenbrühen. Daneben gab es chemische Betriebe, in denen die eingewanderten Chemiker französische und englische Erfindungen auswerteten, jedoch in so schäbigen Laboratorien, und in so winzigen Mengen, daß man von Industrie kaum sprechen kann.

Diese Übergangsphase dauerte nur wenige Jahre. Denn ein großer Markt rief nach großer Produktion, nach Industrie statt Handwerk. Und dafür waren alle Voraussetzungen gegeben. Alexander Clavel stieß auf eine so große Nachfrage für sein chemisches Rot, daß er bald die Pflanzenfärberei aufgab und sich nur noch dem Fuchsin widmete, dessen Geheimnis er hatte erwerben können, weil er mit den Lyoner Renard Frères, den Siegern über den Azalein-Gerber, verwandt war. Die Sache hatte aber ihre Tücken. „Das Arsenikverfahren zur Herstellung von Fuchsin führte zu Vergiftungserscheinungen des Grundwassers, das Schmelzen von Arsensäuren mit Anilin zu lästigen Ausdünstungen, die sich in vielen Straßenzügen der Umgebung unangenehm bemerkbar machten. Die empörten Nachbarn lehnten sich deshalb gegen den ‚pestilenzialischen Geruch‘, den dieser neue Gewerbezweig verbreitete, auf. Der Rat der Stadt Basel mußte sich alsbald dieser Kalamität im ‚minderen Basel’ annehmen. Das löbliche Baukollegium und der Sanitätsausschuß veranlaßten den Rat, die Fuchsinfabrikation kurzerhand zu verbieten.

Clavel verlegte daher seinen Betrieb unter gleichzeitiger Vergrößerung auf ein neues Grundstück außerhalb der damaligen Stadtgrenze – was sich später als gewaltiger Vorteil für die Expansion der Firma erwies. Doch nun wuchs die chemische Industrie schnell aus ihren Kinderschuhen heraus, in Basel selbst und vor allem in Deutschland entwickelte sich die Konkurrenz. Um es mit ihr aufnehmen zu können, mußten die Betriebe ausgebaut und rationalisiert werden, und da konnte nun Clavel finanziell nicht mehr mithalten. Er verkaufte 1873 seine Fabrik, die damals dreißig Leute beschäftigte, an einen der Konkurrenten, Robert Bindschedler, der in Schweizerhalle ebenfalls Fuchsin herstellte.

Als Firma Bindschedler & Busch wuchs das Unternehmen elf Jahre lang zu größerer Produktion und Ausdehnung, aber dann wurde wiederum die finanzielle Grenze erreicht, an der die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft nötig wurde: es entstand die „Gesellschaft für Chemische Industrie Basel“, abgekürzt CIBA.

Es ist bezeichnend, daß es in der Chemie viel rascher zur Konzentration in einigen Großbetrieben kam als in anderen, älteren Industriebranchen: je größer die einmal gebauten Installationen, desto rationeller der Betrieb, der seinem Wesen nach auf Massenproduktion angelegt war, und außerdem wurde hier erstmals die wissenschaftliche Forschung entscheidend, die großer Laboratorien bedurfte. Eine Parallelität von hundert Kleinbetrieben, wie sie sonst üblich und durchaus möglich war, hätte in dieser Branche als Parallelität gleichartiger kostspieliger Forschung zu einem sinnlosen Verschleiß geführt und die Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem Ausland zunichte gemacht.

Schon vor der Jahrhundertwende kaufte die CIBA die Firma Gerber & Uhlmann auf, die der Sohn des Azalein-Entdeckers, Armand Gerber, in Basel gegründet hatte, und 1908 schloß sie sich mit der Basler Chemischen Fabrik AG zusammen einem relativ großen Unternehmen, das aber wie die andern kapitalmäßig nicht mehr mithalten konnte.

Die Firma Carl Geigy war ein Handelshaus für Drogen, Spezereien und Pflanzenfarbstoffe, das gegen Mitte des Jahrhunderts Einkaufsvertreter oder Korrespondenten in Ägypten, in der Levante, in Persien, Ostindien, China, Java, Jamaika und in den wichtigsten europäischen Häfen beschäftigte und seine Waren nicht nur in Basel und der übrigen Schweiz, sondern in ganz West- und Mitteleuropa verkaufte. Mit dem allgemein steigenden Lebensstandard wurden immer breitere Schichten der Bevölkerung zu Kunden für Baumwolldrucke und Seidengewebe, und der Bedarf an Textilfarbstoffen stieg stark an. Das Handelsunternehmen Geigy konzentrierte sich deshalb immer ausschließlicher auf Farben und ging bald auch dazu über, in einer Farbholzmühle einen Teil der importierten Farbhölzer selber zu verarbeiten durch Zerpulvern des Holzes und Auslaugen des Pulvers. In diese väterliche Firma trat 1854, bereits gut ausgebildet, der Sohn Johann Rudolf Geigy ein.

Nach Schulabschluß und einer dreijährigen Lehre im väterlichen Geschäft begab er sich 1850 zwanzigjährig auf die Auslandwanderschaft, arbeitete als Lehrling in Handelsfirmen in Marseille, Bordeaux, Le Havre, London. Dort lud ihn ein Kaufmann aus Kalkutta zu einer Indienreise ein, auf der er Indigoplantagen und -verarbeitung kennenlernte nebst vielem anderen, was dort wuchs und was er aus dem Familiengeschäft in Basel kannte.

Die väterliche Firma war damals mit einem Drogistengeschäft verbunden und hieß J. R. Geigy (nach dem Großvater) & U. Heusler. Den jungen, aus Indien heimgekehrten Geigy aber interessierten vor allem die Farben, nicht die Drogen. Da sein Vater hauptsächlich mit der Centraibahn, dem Hauenstein-Tunnel nach Ölten, dem Basler Bahnhof und der Politik beschäftigt war, suchte er sich selbständiger zu machen und übernahm 1859 allein und auf eigene Rechnung die Farbextraktfabrik, die vom Handelsgeschäft getrennt, wenn auch gleichzeitig als Lieferant vertraglich damit verbunden wurde. Der Prokurist J. J. Müller-Pack, Vertreter und Reisender der väterlichen Firma, war eine Art „Amateur-Chemiker“, von der geheimnisumwitterten Farbenchemie fasziniert und von deren Zukunft überzeugt – er erbeutete irgendwie das Geheimnis der Fuchsin-Herstellung, das Clavel benützte, und begann in der Geigy-Farbenextraktfabrik, die sonst nur Pflanzenfarben herstellte, eine kleine Fuchsin-Produktion.

Ein halbes Jahr später, 1860, trat Johann Rudolf Geigy die Farbfabrik an Müller-Pack ab, blieb allerdings finanziell entscheidend daran beteiligt. Der Geigy-Historiker Bürgin vermutet, daß er der neuen, noch „alchimistischen“ Experimentiererei der Anilinfarbenproduktion nicht recht traute. „Es ist zudem überliefert, daß von altbaslerischen Kreisen die Fabrikation künstlicher Farbstoffe als unreelles, ja unmoralisches Geschäft betrachtet worden ist... Ein ähnliches Mißtrauen zeigt sich auch in einem Bericht des Sanitätskollegiums: ‚Die Anilinfarbenfabrikation zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß sie eigentlich mit Gift arbeitet und Gift ihr Lebenselement ist; daß sie dieses Gift in festem, flüssigem und gasförmigem Zustand dem Boden, dem Wasser und der Luft mitteilt, und dadurch, wenn ihr nicht strenge Schranken gezogen werden, eine langsame, aber sichere Zerrüttung aller normalen Gesundheitsverhältnisse herbeiführt. In der Tat war das Anilinrot damals noch leicht arsenhaltig. Immerhin gibt es auch einen andern plausiblen Grund für Geigys vorübergehendes Ausscheiden: damals erkrankte sein Vater, der dann Anfang 1861 starb, und es läge nahe, daß der Sohn im Hinblick auf die Erbschaft vom Nebengeleise der Farbfabrik ins Hauptgeschäft zurückkehren und dieses nicht den Heusler-Compagnons überlassen wollte.

Müller baute nun seine vormals Geigysche Fabrik mit Feuereifer aus und engagierte den Elsässer Schlumberger als Chefchemiker, der als Gast des Azalein-Entdeckers Gerber-Keller in Dornach bei Mülhausen das Verfahren ausspioniert und nach Frankreich und Deutschland verkauft hatte – gerade der Mangel an Patentschutz hatte zur Folge, daß Chemiefarben-„Rezepte“ wie Staatsgeheimnisse gehütet ^beziehungsweise dem „Spion“ mit Gold aufgewogen wurden. Schlumberger war kurze Zeit auch beim Seidenfärber Clavel als Chemiker tätig gewesen, wo er das Lyoner Fuchsin-Verfahren kennengelernt hatte. J. J. Müller fabrizierte bald auch Perkins Mauvein, ein von zwei Franzosen entdecktes Anilinblau, ein Grün und ein Schwarz.

Die glänzende Erfolgsgeschichte Müllers, den man als den ersten Chemie-Großindustriellen der Schweiz bezeichnen kann, endete mit Arsen. Die gleichen Klagen wie gegen Clavel, vor allem wegen der Vergiftung des Grundwassers, wurden bald auch gegen Müller erhoben, und als plötzlich im Nachbarhaus sieben Personen an Arsenvergiftungen erkrankten, leitete die Regierung ein strafrechtliches Verfahren gegen Müller ein. Er wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldbuße und zu hohen Renten- und Schadenersatzzahlungen verurteilt und mußte Röhrenleitungen bauen, die alle giftigen Rückstände in den Rhein leiteten. Der Arsenikprozeß von 1864 ruinierte Müller-Pack rufmäßig und finanziell. Er trat sämtliche Fabrikanlagen an Geigy ab und versuchte auf der Grundlage seines europäischen Rufes sein Glück ohne rechten Erfolg einige Zeit in Paris, später erneut in Basel, bis er wiederum Bankrott machte und Geigy auch die neue Fabrik durch Ersteigern an sich brachte.

Kein Mensch half ihm, auch nicht Johann Rudolf Geigy, der nun durch den Schiffbruch des früheren Geigy-Prokuristen billig in den Besitz eines glänzend ausgebauten und erfolgreichen Werkes kam. Als neuer Inhaber konnte sich Geigy mit den Behörden spielend einigen. Für die alten Basler Familien, die „Aristokratie ohne ‚von‘“, deren Verwandte und Freunde in allen Räten saßen, deren Name und Geld ihnen überall maßgebenden Einfluß sicherten – für sie war alles sehr viel leichter als für die Außenseiter

  • Fortsetzung auf Seite 44
  • Fortsetzung von Seite 43

oder gar für Ausländer wie Clavel. Man ließ sich deren Leistungen als Erfinder und Fachleute, eine Zeitlang auch als Unternehmer, gefallen, aber eine echte Solidarität gab es ihnen gegenüber nicht. Soziale Gesinnung aus der natürlichen Selbstsicherheit des Herrn und des Standes: ja. Aber Akzeptieren von Außenseitern und Emporkömmlingen als „seinesgleichen“: nein. –

Die chemischen Fabriken entwickelten sich, als Müller sie verlassen hatte, sehr viel langsamer als zur Zeit ihres dynamischen Schöpfers. Geigy produzierte weiterhin während mehrerer Jahrzehnte neben den chemischen auch pflanzliche Farben und betrieb gleichzeitig den alten Handel mit Drogen und Kolonialwaren noch bis gegen Ende des Jahrhunderts. Johann Rudolf Geigy blieb der Chef des Unternehmens, auch als es 1901 in eine Familienaktiengesellschaft umgewandelt wurde mit insgesamt sechs Aktionären, die alle im Verwaltungsrat saßen. Er war eine Figur der Übergangszeit, den Fußtapfen eines Großkaufmanns folgend und im Handel mit Naturprodukten ausgebildet, dem Arbeiterproblem aus patriarchalischer Grundhaltung heraus offen, aber der wissenschaftlichen und technischen „Zauberei“ ebenso wie der Entwicklung zum Manager-Kapitalismus innerlich fremd gegenüberstehend.

Diese Entwicklung hatte aber ihre Eigengesetzlichkeit. Der chemische Teil des Unternehmens hatte schon von Müller-Pack her eineGröße und Bedeutung erlangt, die ein Schritthalten mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt der chemischen Industrie zwingend notwendig machte, und die jüngere Generation trieb das Unternehmen mit modernerem Verständnis voran, engagierte fähige Chemiker und setzte die notwendige organisatorische Gliederung des Gesamtbetriebes durch. Die Chemie entwickelte sich in rapidem Tempo. Sehr schnell ging es nicht mehr um Rot, Blau, Grün, sondern um Hunderte von Nuancen dieser Grundfarben, um ihre Leuchtkraft, um ihre Eignung für Wolle, Baumwolle, Seide, um ihre Wasserlöslichkeit oder Nicht-Löslichkeit, um eine Qualitätsdifferenzierung größten Ausmaßes. Das hieß, daß der Fachmann im Laboratorium, halb Wissenschaftler, halb Techniker, zur zentralen Figur wurde und daß auch in der Betriebsführung, selbst in der kaufmännischen, der Amateur bald nicht mehr folgen konnte und seinen Einfluß weitgehend verlor.

Die zentrale Rolle der Laboratorien in der chemischen Industrie hatte weitere unternehmerische und technische Auswirkungen größter Bedeutung. Die Forschung wurde, als sie das experimentelle Anfängerstadium hinter sich hatte, zu einer Sache langfristiger Investition, und je unabhängiger sie wurde von augenblicksbedingten Gesichtspunkten der Konkurrenz auf dem Markte, desto größere Erfolge brachte sie ein. Deshalb zeigte sich in der Chemie viel früher als in andern Industriezweigen die Tendenz in kartellartigen Abmachungen zur Begrenzung und Regulierung der Konkurrenz. Es war zu kostspielig und im Effekt sinnlos, wenn alle Unternehmen am selben aktuellen Problem arbeiteten, in der Gewißheit, daß sich das nur für den Gewinner im Wettrennen lohnte, während die andern völlig umsonst Zeit, Geld und Arbeit investierten, die sie viel fruchtbarer für die Erschließung neuer Wege einsetzen konnten. Geigy traf schon 1882 eine befristete Abmachung mit den Farbwerken in Höchst, die unter gleichzeitiger wechselseitiger Kapitalbeteiligung beide Urternehmen zur Abnahme gewisser Produkte des andern verpflichtete. Später, als durch den ungeheuren Chemiebedarf des Ersten Weltkrieges und die vorübergehende Schwächung der führenden deutschen Chemie-Industrie die Basler Firmei einen großen Sprung nach vorn gemacht hatten, schlossen sich 1918 die drei Größten der Farbenchemie zu einer Interessengemeinschaft zusammen: CIBA, Geigy und die 1886 vom Chemiker Dr. Alfred Kern und dem Kaufmann Edouard Sandoz gegründete Sandoz AG. Dadurch wurde die Konkurrenz zwischen ihnen weitgehend ausgeschaltet, was Doppelspurigkeiten und damit auch Fehlinvestitionen ersparte, den Rücken frei machte für langfristige Forschung und Planung und gleichzeitig dem Ausland gegenüber eine gemeinsame Front herstellte: 1925 schlossen sich die chemischen Industrien Deutschlands zum Riesenkonzern I. G. Farben zusammen, dessen Aktienkapital ein Jahr später 1,1 Milliarden Reichsmark betrug.

In technischer Hinsicht zog die dominierende Funktion der wissenschaftlichen Forschung ungeahnt Neues nach sich. Die Chemiker in ihren Laboratorien nämlich blieben bei den Teerfarben keineswegs stehen. Das Kapital der Industrie erlaubte ihnen Untersuchungen, an die in den Universitäten mit ihren spärlichen öffentlichen Mitteln nicht zu denken war. Dabei ergaben sich aus der Zauberei, die im chemischen Aufbau der Natur verborgen war und nun allmählich enträtselt wurde, die überraschendsten Entdeckungen auf allen möglichen Gebieten, die für den Laien nicht die allergeringste Beziehung zueinander haben: Medikamente, Lebensmittelchemie, Kunstdünger, Schädlingsbekämpfungsmittel, chemische Textilfasern, in Verbindung mit der Elektrophysik das neue Metall Aluminium, schließlich eine Fülle neuer Kunststoffe, die man mit dem Sammelbegriff Plastik bezeichnet.

Die Teerfarbenunternehmen gingen schon bald auch zur Herstellung von chemischen Heilmitteln über, anfänglich unter Verwertung ausländischer Erfindungen, mehr und mehr aber – nach Ausdehnung des Patentschutzes in der Schweiz auf die Chemie – auf der Basis eigner Forschungen.

Die Arzneimittelchemie war ein Kind der Teerfarben, von der medizinischen Wissenschaft zur Welt gebracht: der Leipziger Professor und Medizinforscher Weigert wollte – auf der Suche nach unsichtbaren Krankheitserregern die gesuchten kleinen Teufel mit Teerfarben mikroskopisch sichtbar machen und entdeckte dabei, daß die Bakterien auf gewisse Farbstoffe reagierten. Damit war die heute selbstverständliche Verbindung zwischen der chemischen Industrie einerseits und dem Apotheker und Arzt andererseits hergestellt.

Auf dieser Basis entstanden und gediehen neben den Farbindustrien neue Unternehmen. Sie gingen wie die 1872 gegründete Firma Siegfried in Zofingen aus dem Apothekergewerbe hervor oder entstanden von vornherein als Betriebe der Heilmittelchemie wie vor allem 1894 die Firma Hoffmann-La Roche, die vierte Große der Basler Chemie neben CIBA, Geigy und Sandoz.

Noch bevor die Chemie der Medizin synthetische Heilmittel lieferte, begann sie auch neue Lebensmittel zu ermöglichen, und in der Synthese von Ernährung und Chemie entstanden wiederum ganz neue Industrien für Diätnahrung, medizinische Nährmittel usw., die sich später teilweise mit der Medikamentenchemie verbanden, und eigentliche Lebensmittelindustrien. 1865 wurde die Firma Wander in Bern gegründet, die mit Medikamenten, Diätmitteln und besonders durch ihre Ovomaltine zum internationalen Großbetrieb wurde, bis sie sich 1967 mit der Sandoz AG zusammenschloß, die in Basel als Teerfarbenunternehmen begonnen hatte.

In der nächsten Ausgabe: Schokolade für die Schlachtfelder... Der Siegeszug schweizerischer Lebensmittelkonzerne auf dem Weltmarkt