Von Peter Urban

Von allen russischen Künstlern hat sich Maja-

kovskij als einer der ersten und entschiedensten in den Dienst der Revolution gestellt. Daß politische und künstlerische Revolution für ihn in den Jahren nach 1917 eine untrennbare Einheit darstellten, kann ebensowenig bezweifelt werden wie die Tatsache, daß die sowjetisch-engagierten Künstler von der revolutionären Regierung Mittel und Möglichkeiten erhielten, diese künstlerische Revolution im großen Stil zu realisieren – zumindest bis zu Lenins Tod.

Nachdem das System, in seinen ersten Jahren durch Bürgerkrieg und multinationale Intervention bedroht, sich konsolidiert hatte, wurde die Kunst schrittweise dem biederen Funktionärsgeschmack angepaßt und versimpelte entsprechend.

Gewiß ist dieser Umstand nicht allein autoritären Direktiven zuzuschreiben, doch im Ergebnis – der marxistisch-leninistischen Kunstauffassung – wurde schließlich nurmehr das anerkannt, was gesellschaftspolitisch relevant war und, scheinbar, eine Veränderung des Verhältnisses Künstler-Gesellschaft bedeutete; die Revolution der Kunst wurde einseitig auf die gute alte Kategorie von Inhalt und Aussage beschränkt, wohingegen die stattgehabte Revolutionierung der künstlerischen Formen geleugnet oder als bürgerlich-dekadente Verirrung denunziert wurde (und damit auch all diejenigen, die, wie die „Formalisten“, darauf hingewiesen hatten, daß Inhalt und Form nicht voneinander zu trennen seien, daß dieses Schema vielmehr dem neunzehnten Jahrhundert angehöre).

Die umfassende Revolutionierung der Kunst durch die frühen Sowjetkünstler zu leugnen, wäre heute allerdings ebenso absurd wie der Versuch, all die Gedanken und Impulse in Abrede zu stellen, die die frühe Sowjetkunst den „kleinbürgerlichen“ Revolutionären der Kunst von vor 1917 verdankt. Die Sprengung der konventionellen Rahmen, nach denen ein Gedicht in ein Buch, ein Schauspiel ins Theater und ein Bild in die Galerie gehörten und ein Kunstwerk einmalig, unwiederholbar und Werk eines einzigen Autors zu sein hatte – diese „Zersetzung“ der museumsreifen akademischen Kunst war längst vor 1917 intendiert und im kleinen bereits vollzogen worden; unter den neuen, spezifischen Bedingungen schritt sie fort.

Meierhold zog mit Majakovskijs „Mysterium Buffo“ auf die Straße und inszenierte unter Einbeziehung der Massen ein Revolutions-Happening; Tatlin entwarf bewegliche Architektur (etwa sein berühmtes Denkmal zur III. Internationale 1920); Bildgedichte und Buchstabenbilder wurden gemacht, Graphik und Lyrik durch Collage ineinander verwoben; die Sprache des „lyrischen“ Gedichts revolutioniert und damit auch, vorübergehend, das Literatur- und Kunstverständnis.