Zentrum eines Ballungsgebietes von etwa drei Millionen Menschen, mit etwa 150 Banken, mit Dutzenden von Versicherungsunternehmen, 3,5 Milliarden Mark Steuereinnahmen im Jahr, und rund 6000 leichten Mädchen – eine Weltstadt war Frankfurt am Main schon vor dem 4. Oktober 1968.

Aber erst seit diesem Tage hat Frankfurt Weltstadt-Flair. Und das hat ganz einfach das Markenzeichen „U“ geschafft. Es ziert, beleuchtet oder unbeleuchtet, das Frankfurter Stadtzentrum, seit Oberbürgermeister Professor Brundert am 4. Oktober mit einer Superschau den ersten Abschnitt der Frankfurter U-Bahn für den Verkehr freigab. Ein Zufall war der Termin sicher nicht: am 20. Oktober waren in Hessen Kommunalwahlen.

Ob es allerdings für die Sozialdemokraten – stärkste Partei in Frankfurt – besonders nützlich war, die Bürger der Stadt zwei tolle Tage lang kostenlos auf das neue Riesenspielzeug loszulassen, war allerdings sehr fraglich: Unter dem Ansturm von Hunderttausenden von Freifahrern brach der Verkehr restlos zusammen. Das Schnellst-Beförderungsmittel wurde zur Schneckenpost. Und die Premierengäste schimpften wie die Rohrspatzen. Aber bis zum Wahlsonntag hatte sich alles eingespielt, und die Devise der „Perspektiven sozialdemokratischer Kommunalpolitik“, den Haushalten der Mainmetropole in den Briefkasten geworfen, „schneller mit der U-Bahn“, war gerettet.

Doch das „Ja“ zur modernen Stadt hat bereits bei der ersten Etappe – 8,2 Kilometer – rund 344 Millionen gekostet. Bauzeit: Fünf Jahre. Wer unter die Erde gehen will, muß überzeugend betteln können: Das Land Hessen steuerte 129 Millionen zu, der Bund 56 Millionen. Und für die nächsten Jahre wird Frankfurt noch sehr intensiv mit dem Klingelbeutel umherziehen müssen. Der erste Ausbauabschnitt wird bis 1982 etwa 1,2 Milliarden verschlingen.

Ein Gewinn, mit dem niemand gerechnet hat, weil er in den Bilanzen städtischer Verkehrsbetriebe auch nicht unterzubringen ist, hatte sich schon am ersten Betriebstage ergeben: Ein Gefühl der Dankbarkeit ausländischen Gastarbeitern gegenüber. Ihr Anteil betrug in manchen Bau-Wochen bis zu 80 Prozent. Einhellige Meinung: „Ohne sie hätten wir es nicht geschafft.“

Die ersten U-Bahn-Kilometer sind da: was noch fehlt, ist ein „U-Bahn-Bewußtsein“. In Berlin oder in Paris wächst man mit der U-Bahn auf, die Frankfurter machen jetzt die ersten Schritte, sich an sie zu gewöhnen. Das fängt bei schnellen Rolltreppen an und hört bei Blitzaufenthalten auf den Stationen auf. Der Verkehrsdezernent mußte persönlich demonstrieren, wie man unbeschadet auch mit Kinderwagen über Rolltreppe in der Tiefe verschwinden kann. Die Frankfurter müssen sich auch darauf einstellen, daß sie zu Fuß nach Hause gehen müssen, wenn sie nur „Scheine“ in der Tasche haben. Die perfekte Automation bietet zwar jede Menge Wechsel- und Fahrscheinautomaten, aber das Problem Papiergeld ist noch nicht gelöst.

Vom „U-Bahn-Bewußtsein“ wird nicht nur abhängen, ob sich der Milliardeneinsatz lohnen wird, sondern auch ob sich die Umsatzspekulationen jener Geschäftsleute erfüllen, die unter der Hauptwache und unter dem Eschenheimet Tor Ladenflächen gemietet haben. Buchhändler. Modegeschäfte, Kaufhäuser, Feinkostläden. Photoartikel, Blumengeschäfte ... dem „U-Bahn-Bewußtsein“ müßte ein „völlig neues Kaufgefühl“ folgen. Das würde mit Sicherheit kommen, hätte Frankfurt auch die Ladenschlußgewohnheiten einer Weltstadt. Wie das Gesetz es befiehlt, verödet auch das moderne unterirdische Einkaufszentrum pünktlich um 18.30 Uhr.

Gerhard Ziegler