Im vergangenen Monat ist in Paris Frau Paul Grosser nach schwerer Krankheit gestorben. Sie dürfte dem großen Publikum beiderseits des Rheins weithin unbekannt geblieben sein. Viele junge Menschen jedoch, die in den letzten zwanzig Jahren den Wunsch gehabt haben, in Deutschland oder in Frankreich eine Austauschstelle zu finden, werden sich ihrer in Dankbarkeit erinnern. Frau Grosser war in solchen Fragen immer die Rettung. Sie wußte stets eine Familie dafür zu gewinnen, einen jungen Deutschen oder einen jungen Franzosen aufzunehmen.

Im Jahre 1950 lernte ich Frau Grosser kennen. Es war in dem Jahr, als Wilhelm Hausenstein nach Paris kam, um als Vertreter der Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg die ersten Verbindungen zu knüpfen. Dies erforderte eine harte Von-Tür-zu-Tür-Arbeit. Der feste Glaube an die Notwendigkeit der Aussöhnung und eine klare Haltung zur jüngsten deutschen Vergangenheit waren erforderlich.

An einem grauen Herbsttag des Jahres 1950 stieg ich die Treppen in dem Haus 21, Rue Béranger hinauf. und suchte in dem dunklen Gang das Büro des „Comité Français d’Échanges avec l’Allemagne Nouvelle“. In einem schlecht geheizten und nicht eben freundlichen Raum saß eine Frau vor einer großen Kartothek. Dieser offensichtlich gehütete Schatz enthielt die Adressen von Franzosen und Deutschen, die auf irgendeine Weise in der Lage waren, für das Anliegen des Comité d’Échanges etwas Praktisches zu tun. Das Anliegen: die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich.

Die Dame, die vör dem Kartöthekkasten saß, war Frau Lily Grosser. Ihr Mann, der Kinderarzt Paul Grosser, war 1933 von Deutschland nach Paris emigriert, wo er eine Kinderklinik gründen wollte, aber schon 1934 starb.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Comité Francais d’Échanges avec l’Allemagne Nouvelle von prominenten französischen Widerstandskämpfern aller Konfessionen und politischen Richtungen gegründet worden. Männer wie Emanuel Mounier, Vercors und Rémy Roure haben es geprägt.

Der Gedanke, daß der Austausch zwischen Deutschland und Frankreich in beiden Richtungen lebendig sein müsse und daß es sich um ein neues Deutschland handele, lag der Arbeit zugrunde. Hier fand Frau Grosser als hauptamtliche Sekretärin ihr Betätigungsfeld. Sie war die Seele des Unternehmens. Im Laufe der Jahre sollte ich erleben, wie sehr sie und das Comité eins waren.

Von den Nazis nach 1933 mit ihrer Familie aus Frankfurt verjagt. Während des Krieges in ständiger Furcht, den Häschern doch noch in die Hände zu fallen, nachdem man in Frankreich eine neue Heimat gefunden hatte. Verfolgt und gejagt, aber unbeirrt im Glauben, daß die Aussöhnung das wichtigste sei. Nicht die große Politik, nur die praktische Arbeit zählte in ihren Augen. Sie wollte ganz einfach dem Frieden dienen.