Von Marcel Reich-Ranicki

Reichhaltig, wenn auch nicht umfangreich, nicht überraschend, doch erstaunlich sind die beiden zuletzt erschienenen Publikationen Thomas Bernhards. Die erste, die seit einem knappen Jahr vorliegt –

Thomas Bernhard: „Prosa“; edition suhrkamp 213, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 115 S., 3,– DM

vereint einige seiner kleineren Arbeiten, insgesamt sieben Prosastücke, deren Entstehungsdaten übrigens aufschlußreich wären, aber leider nicht mitgeteilt werden. Dieser Sammlung folgt jetzt eine längere Erzählung –

Thomas Bernhard: „Ungenach“; edition suhrkamp 279, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 93 S., 3,– DM.

Wer meinte, die vorangegangenen Bücher Bernhards (zumal „Frost“ und „Amras“) hätten diesen österreichischen Erzähler bereits als eines der originellsten Talente der deutschen Prosa seiner Generation – er wurde 1931 geboren – hinreichend legitimiert, kann eine so hohe Einschätzung hier aufs schönste bestätigt finden.

Indes ist es durchaus möglich, daß sich auch diejenigen Kritiker, denen vor allem die Fragwürdigkeit dieser Epik auffiel, in ihren Ansichten nunmehr bestärkt sehen. Ein Meister habe sich auf den Holzweg begeben – schrieb Herbert Eisenreich nach Bernhards Roman „Verstörung“. Und beides – die Meisterschaft und den Holzweg – lassen die neuen Veröffentlichungen mit erfreulicher und bedauerlicher, imponierender und beängstigender Deutlichkeit erkennen.