Hannover

Nur selten werden aus der Welt der Geheimdienste Schicksale bekannt, und wenn, dann sind es im allgemeinen Schicksale, die häufig genug gewaltsam beendet wurden. „Abgeschaltet“ lautet im Fachjargon ein solches Ende einer Geheimdienstkarriere. Den ganzen Sinninhalt des Abgeschaltetseins er- und überlebte der Obersekretär Friedrich-Karl Bauer. Zur Zeit ist er angestellt bei einer staatlichen Dienststelle in Hannover.

Vor vierzehn Jahren machte der heute 56 Jahre alte Friedrich-Karl Bauer Schlagzeilen. Er war für manche Zeitungen ein roter Agent, der sich in die „Zone“ abgesetzt hatte. Das Interesse am Fall Bauer sank seinerzeit recht schnell, denn drei Tage nach seinem Verschwinden, am 20. Juli 1954, füllten die Zeitungen die Schlagzeilen vom Auftauchen eines anderen „Überläufers“ in Ostberlin, dem Chef Friedrich-Karl Bauers, dem Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Otto John.

Verfassungsschützer Bauer arbeitete vor seinem „Auftauchen“ in der DDR in Goslar im Harz. Der gelernte Kriminalist ging den Weg vieler Polizisten: Im Dritten Reich arbeitete er für die politische Polizei in Prag, nach dem Krieg engagierte ihn 1949 der amerikanische CIA, bis ihn 1952 der Bundesverfassungsschutz engagierte. Bauers Fachkenntnisse erstreckten sich auf die Beobachtung kommunistischer Tätigkeit. Diese Kenntnisse kamen sowohl Amerikanern wie Westdeutschen gelegen.

In Goslar war Verfassungsschützer Bauer für den Abschnitt der Zonengrenze zwischen Helmstedt und Duderstadt zuständig, was die Beobachtung der Grenze und ihrer Befestigung anbetraf. Er befragte legale und illegale Grenzgänger, suchte und fand V-Männer, sammelte Nachrichten und gab sie weiter nach Bonn. Einer dieser V-Männer wurde Bauer zum Verhängnis. Der heute 53jährige ehemalige Lehrer Friedrich-Wilhelm Schulz aus Ilsenburg (Mitteldeutschland) war ihm als alter Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes angedient worden, obwohl der britische Geheimdienst Bauer gewarnt hatte und obwohl im Tätigkeitsbereich des V-Mannes Schulz die meisten Verhaftungen beobachtet worden waren.

Am 17. Juli 1954 traf sich Bauer mit seinem Kontaktmann Schulz in der Nähe von Eckertal bei Bad Harzburg an der Zonengrenze. Er schöpfte keinen Verdacht, als der vereinbarte Treffpunkt auf Bitten von Schulz verlegt wurde. Auf dem Wege dorthin wurde Bauers Dienstwagen von einem Dritten angehalten, da im Gebüsch angeblich ein bei einem Grenzübertritt angeschossener Mann liege. Bereit zur Hilfeleistung wurde Bauer hinterrücks niedergeschlagen und über die Grenze geschleppt. Die Entführer kamen noch einmal zum Tatort zurück, gebärdeten sich in Bauers Dienstwagen laut und betrunken und fuhren anschließend, als Passanten aufmerksam geworden waren, in Richtung DDR. Damit war Bauer als Überläufer gestempelt.

Nach 14monatiger geheimgehaltener Untersuchungshaft wurde Bauer vom Bezirksgericht Rostock zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Als Hauptbelastungszeuge wurde sein mittlerweile ebenfalls in der DDR weilender Amtschef Otto John genannt. Im Prozeß trat allerdings nie ein Zeuge auf. Für den Verfassungsschützer begann ein Leidensweg von mehr als zehn Jahren. In der „Privatstation von Herrn Ulbricht“, so Bauer, lebte er neun Jahre völlig isoliert, wenn auch in so prominenter Umgebung wie der der ehemaligen DDR-Minister Fechner, Dertinger und Dr. Hamann. Als einer von 3000 politischen Gefangenen, die die Bundesrepublik in der DDR freikauften, sah Bauer am 9. Dezember 1965 als 70prozentiger Invalide die Freiheit wieder.