Von Wolfgang Werth

Zu den DDR-Schriftstellern, deren Namen genannt werden, wenn von bemerkenswerten literarischen Leistungen des „anderen Deutschland“ die Rede ist, gehört der sechsundvierzigjährige, aus Rochlitz im Sudetenland stammende Franz Fühmann. Anders aber als viele seiner Kollegen ist dieser Autor bislang noch von keinem bundesdeutschen Verlag vorgestellt worden; von Kostproben in Anthologien abgesehen.

Erst jetzt, sechs Jahre nach seiner Veröffentlichung im Ostberliner Aufbau Verlag, gelangte Fühmanns bekanntestes und persönlichstes Werk –

Franz Fühmann: „Das Judenauto – Vierzehn Tage aus zwei Jahrzehnten“; Diogenes Verlag, Zürich; 221 S., 16,80 DM

das ursprünglich als Quartheft bei Klaus Wagenbach erscheinen sollte, auf dem Umweg über die „neutrale Schweiz“ in unsere Buchhandlungen.

Verzögerte Premieren kommen oft zu spät. Nicht allzu vielen Büchern ist es beschieden, nach über einem halben Jahrzehnt als noch immer nicht veraltet zu gelten. „Das Judenauto“ gehört, zumindest teilweise, in diese Kategorie. Einige dieser Erzählungen – die ersten des Bandes, die im Sudetenland vor und während der deutschen Okkupation spielen – haben vor dem Hintergrund jüngster Ereignisse sogar noch eine zusätzliche Bedeutung gewonnen.

Wer Literatur allein nach formalen Kriterien bemißt, wird freilich bei Fühmann nicht auf seine Kosten kommen. Der Autor (der 1942 in der Nachfolge Josef Weinhebers seinen ersten Gedichtband veröffentlichte) huldigt einem gediegenen, bisweilen allzu lyristisch getönten und dann dem Gegenstand der Mitteilung nicht immer angemessenen Erzählstil. Von Selbstironie, die er sich bescheinigt, kann kaum die Rede sein. Die Distanz, die zwischen dem Erzähler und dem Erzählten spürbar ist, ist eher Ausdruck einer unausgesprochenen Scham, die Fühmann bei der Reproduktion eigener Lebensirrtümer empfindet.