Von Rolf Zundel

Bonn, im Oktober

Wer in Bonn von sich reden macht ist entweder Spion, tot oder beides – Äußerungen solcher Art sind in der Bundeshauptstadt dieser Tage immer wieder zu hören. Der schwarze Humor blüht. Da wird ein Minister angefrotzelt, ob er morgens seine Mannschaft nun abzählen lasse; er müsse doch sichergehen, daß über Nacht kein Geheimnisträger verschwunden sei; ein Pressesprecher meldet sich am Telephon mit dem Satz: "Ich lebe noch", und ein Journalist fragt auf der Pressekonferenz, was es denn zu bedeuten habe, daß in der Nähe des Kanzleramts ein Krankenwagen gesehen worden sei.

Die Journalisten machten sich mit jenem Eifer, von dem Mitglieder der Regierung immer wieder glauben, er solle auf positive Dinge verwandt werden, auf die Suche nach Spionen und Selbstmördern. Die Liste, die sie am Ende ihrer Recherchen aufstellten, ist wahrhaft eindrucksvoll. An Selbstmördern wurden registriert:

  • 8. Oktober: der Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes, Horst Wendland, 56 Jahre alt, wird in seinem Zimmer erschossen aufgefunden; angeblich litt er an Depressionen.
  • Am selben Tag wird in der Eifel Flottillenadmiral a. D. Hermann Lüdke, 57 Jahre alt, erschossen aufgefunden. Er hatte beim NATO-Hauptquartier in Europa Dienst getan und dort logistische Aufgaben bearbeitet.
  • 14. Oktober: Der Regierungsdirektor im Bundeswirtschaftsministerium, Hans Heinrich Schenk, 40 Jahre alt, erhängt sich; wieder ist von Depressionen die Rede.
  • 16. Oktober: die Lektorin des Bundespresseamtes, Edeltraud Grapentin, 52 Jahre alt, stirbt an einer Überdosis von Tabletten; der Fall wird erst am 24. Oktober bekannt; vermutetes Motiv: familiäre Schwierigkeiten.
  • 18. Oktober: Oberstleutnant Johannes Grimm, 54 Jahre alt, Verteidigungsministerium, erschießt sich in seinem Dienstzimmer. Erklärung: Depressionen wegen unheilbarer Krankheit.
  • 21. Oktober: Hauptsekretär Gerhard Böhm, 62 Jahre alt, Verteidigungsministerium, wird als vermißt gemeldet. Seine Aktentasche mit Ausweispapieren und Abschiedsbrief wird unter einer Rheinbrücke gefunden. Böhm, so wird bekannt, soll früher schon auf ähnliche Weise verschwunden sein.

Diese Liste muß selbst Gutgläubige etwas irremachen. Die immer wiederkehrende Formel, der Verstorbene habe an Depressionen gelitten, klingt, als sei sie erfunden, um dahinter Geheimnisse zu verbergen. Und auch der Hinweis, im letzten Spätherbst hätte es schon einmal so eine Selbstmordwelle gegeben (damals hatten sich vier Menschen im Auswärtigen Amt das Leben genommen), besänftigt das Mißtrauen kaum. Tatsächlich aber – und das ist wohl das erstaunlichste an der Selbstmordserie – sind die Motive in allen Fällen, mit Ausnahme des Admirals Lüdke, nicht im Bereich der Spionage zu suchen. Für die Version, daß hier das Wirken eines einzigen großen Spionageringes sichtbar wurde, gibt es keine Beweise.

Es bleibt ein kleiner Rest von Zweifel,’ der sich wohl nie ganz beseitigen lassen wird; Tote reden nicht mehr. Es bleibt ferner die besorgniserregende Tatsache, daß Wendland, der eine so hohe Stellung im Nachrichtendienst einnahm, offenbar seelisch labil war, und es bleibt die Ungewißheit, ob und in welchem Maße Lüdke seine Informationen an den Gegner weitergegeben hat. Zugang zu wichtigen Informationen (zum Beispiel über die Lagerung von Atomwaffen) hatte er gewiß. Ob er sie weitergegeben hat, weiß man nicht.