DIE ZEIT

Präsident – von wessen Gnaden?

Uns Deutschen fehlt noch das rechte Verhältnis zum Amt des Bundespräsidenten. Man merkt es jetzt wieder bei der bevorstehenden Entscheidung über die Kandidaten.

Vietnam als Erbe

Erhobenen Hauptes hatte Lyndon Johnson, das Weiße Haus verlassen wollen – eine ehrenvolle und dauerhafte Vietnam-Regelung in der Tasche, seine Kriegspolitik durch den Friedensschluß gerechtfertigt.

Am Scheideweg

Wagemutige Interpreten meinen, Dubček sei im Begriff, die Schlacht, die er in Prag gegen Moskau verlieren mußte, nun in Paris zu gewinnen: Nächste Woche werden der Generalsekretär der französischen KP, Waldeck Rochet, und vier weitere Mitglieder des Politbüros in Moskau zu einer „freimütigen Aussprache“ mit der sowjetischen Bruderpartei eintreffen.

Rote Rakete

Zum erstenmal hat die Weltöffentlichkeit den Start eines sowjetischen Raumschiffs am Fernsehschirm miterlebt: der Kapsel Sojus 3 mit dem Kosmonauten Oberst Georgi Beregowoi.

Jaegers törichte Töne

Kiesinger ist ein zu kluger Politiker, als daß er nicht gespürt hätte, wie glatt das politische Parkett ist, auf dem er sich in Portugal und Spanien bewegt hat.

Des Kanzlers Reiseziel: ein Doktorhut

Das Blasorchester spielt laut – und unbekümmert um falsche Zwischentöne – „Töchter Zion, freue dich“. An der Seite des Dekans der juristischen Fakultät einer der ehrwürdigsten europäischen Universitäten überschreitet; Kurt Georg Kiesinger die Schwelle der Bibliothek von Coimbra, hinter ihm der neue portugiesische Ministerpräsident Marcello Caetano.

ZEITSPIEGEL

„Ich habe nie die Absicht gehabt, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren, weil ich nach so langer Regierungstätigkeit an verantwortlicher Stelle kein Amt übernehmen will, das nicht politisch ist.

Finish der müden Gäule

Sie nennt sich Ja-Neen, ist blond, unbestimmten Alters und oft in eine Art Cowboy-Uniform aus Silberlamé gehüllt – jene unbekannte Dame, die einige Wochen mit George Wallace von Stadt zu Stadt reiste und auf allen seinen Kundgebungen sichtbar war, bis das Gerücht aufkam, der verwitwete Ex-Gouverneur und Führer der amerikanischen Unabhängigen Partei trage sich mit Heiratsabsichten.

Ein Abgrund von Landesverrat?

Wer in Bonn von sich reden macht ist entweder Spion, tot oder beides – Äußerungen solcher Art sind in der Bundeshauptstadt dieser Tage immer wieder zu hören.

Warum wir es anders hören wollen

Wissenschaft, deren Intention Erkenntnis menschlicher Bedürfnisse und Möglichkeiten ist, und die damit erst zu gesellschaftlicher Praxis befähigt, unterliegt konkreten historischen Bedingungen.

Warum ich über Strategie lese

Ich weiß, daß der Gedanke, Strategie an einer deutschen Universität zu lehren, manchen befremdet. Das ist erklärlich, und kritisches Zögern kann sogar fruchtbarer sein als unkritische Zustimmung.

Ein Kampf um Brecht

Im Zusammenhang mit diesen Prozessen sind drei Gutachten angefertigt worden, die zur ideologischen Orientierung der staatlichen Ermittlungs- und Strafverfolgungsorgane dienen sollen.

Fragezeichen in Rom

Als ein enttäuschendes, ja beschämendes Schauspiel hat sich erwiesen, was eigentlich den entscheidenden Anstoß zur Überwindung des unbefriedigenden und auf die Dauer untragbaren Regierungsprovisoriums in Italien hätte geben sollen: der erste Parteitag der vor zwei Jahren wiedervereinigten Nenni-Sozialisten und Saragat-Sozialdemokraten in Rom.

Wischi - Waschi von links

Die Herren vom Verfassungsschutz fanden keine Gelegenheit, Anstoß zu nehmen. Da war nicht von der Diktatur des Proletariats die Rede und nicht von der Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse, Da wurde lediglich von Weihnachtsgeld gesprochen und von den Strukturveränderungen an der Ruhr, vom leidenden Bauern und der Zwergschule, von Automation und Mitbestimmung.

Ende einer Ära

Vor genau hundert Jahren wurde der Bau des heutigen Foreign Office begonnen. Zu jener Zeit konnte Englands Premierminister Lord Palmerston es sich noch leisten, einen langen Kampf mit dem Architekten über das stilistische Äußere des Hauses zu fechten.

Wilsons Ärgernis

Weil Harold Wilson und einige seiner Labour-Minister sich und ihre Sache durch die BBC schlecht behandelt fanden, unternehmen einige von ihnen kritische Gänge gegen den vermeintlichen Mißbrauch von Freiheit und Unabhängigkeit durch die vermeintlich freieste und unabhängigste Funk- und Fernsehanstalt der Welt, die BBC.

Denkt de Gaulle um?

Der Kern der gaullistischen Außenpolitik bleibt unverändert: das Prinzip der nationalen Unabhängigkeit, Beziehungen nach allen Himmelsrichtungen, Überwindung der Blöcke und des Blockdenkens.

Mißklänge

Unsere Olympia-Athleten, so konstatierte der Dressurmeister Neckermann, seien in Mexiko gehörig auf die Nase gefallen – was die sportliche Leistung betrifft.

Von ZEIT zu ZEIT

Die in der Bundesrepublik aufgedeckten Spionagefälle lösten im gesamten NATO-Bereich Besorgnis aus. Der Bundeskanzler ordnete eine Untersuchung der Mängel in der Spionageabwehr an.

Sowjetischer Raumtest

Zum erstenmal seit dem tödlichen Absturz Wladimir Komarows mit „Sojus 1“ vor 18 Monaten haben die Sowjets erneut einen bemannten Raumflug gestartet: Am Mittwoch landete der 47jährige Kosmonaut Georgi Beregowoi mit „Sojus 3“ nach einer viertägigen Erdumkreisung im vorgesehenen Zielgebiet.

Namen der Woche

Richard Kardinal Cushing (73), Erzbischof von Boston / USA und Freund der Familie Kennedy, will Papst Paul VI. Ende des Jahres seinen Rücktritt anbieten, nachdem sein Eintreten für die Mischehe zwischen Jacqueline Kennedy und Onassis einen Proteststurm entfacht hatte.

Humphrey holt auf

Der amerikanische Wahlkampf ging am Wochenanfang in die letzte Runde. Er könnte am 5. November schließlich doch noch mit einem spannenden Finish enden, wenn es dem Kandidaten der Demokraten, Vizepräsident Hubert Humphrey, weiter gelingt, gegenüber dem republikanischen Bewerber Richard Nixon aufzuholen.

Kampf ums höchste Amt

Bundeskanzler Kiesinger hat das Kandidatenkarussel für die Präsidentenwahl wieder in Bewegung gesetzt. Im sogenannten Viererkreis (Teilnehmer: Kiesinger, Heck, Barzel und Strauß) gab er zu erkennen, daß ihn ein CDU-Kandidat Schröder nicht genehm ist.

Iberische Reise

Als erster deutscher, als erster Regierungschef Westeuropas nach dem Kriege reiste Bundeskanzler Kiesinger auf die Iberische Halbinsel, um sich mit den Machthabern Portugals und Spaniens zu treffen.

Prager riefen: Russen raus!

Ohne Volksbelustigungen und Massenumzüge sollten die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Tschechoslowakischen Republik über die Bühne gehen; das hatten sich die sowjetischen Besatzer ausbedungen.

Nahost: Hoffnung vorhanden

Im Nahen Osten war die Bilanz der vergangenen Woche blutig: Am Suezkanal lieferten sich Ägypter und Israelis ein schweres Artilleriegefecht, Zusammenstöße gab es im Jordantal und an der libanesischen Grenze, über mehrere Städte im besetzten Westjordanien und über Gaza wurde nach verschiedenen Terrorakten und heftigen Schülerdemonstrationen der Ausnahmezustand verhängt.

Vietnam: Lage verfahren

In Washington wartete man am Wochenende noch immer auf eine Geste aus Hanoi und Saigon, die den Pariser Verhandlungen zu einem echten Fortschritt verhelfen könnten.

November 1918 (III): Die Revolution, die keine war

Am Anfang der deutschen Revolution steht eine Legende. Erfunden hat sie der Memoirenschreiber Philipp Scheidemann, aufbereitet wurde sie von seinen sozialdemokratischen Parteifreunden und weitergereicht von Publizisten und Historikern – bis in unsere Tage: Scheidemann, der eben zurückgetretene kaiserliche Staatssekretär, habe am 9.

Verramschte Hippies: Lang, lang ist’s hair

Wollte man aus Operetten und Opern des fin de siècle die gesellschaftliche Rolle der Zigeuner rekonstruieren, es entstünde ein idyllisches Bild: so als hätten die Theatergänger weder die Wäsche von der Leine gehängt noch um die Verhexung ihrer Schwangerschaften gebangt, sondern sich nichts sehnlicher gewünscht als Lagerfeuer, schlängelnde, schwarzgelockte Weiblichkeit, dazu schluchzende Geigen und goldene Ringe im Ohr.

Bis auf weiteres beurlaubt

Vor ein paar Tagen noch hatte der Hamburger Journalist Horst-Dieter Ebert die helle Empörung des versammelten Publikums gegen sich gehabt, als er am Anfang einer linksliterarischen Podiumsdiskussion über den Ungehorsam aufstand und, Ungehorsam praktizierend, gegen den Diskussionsleiter protestierte: den Professor für Afrikanische Geschichte des Hope College in Michigan, den Ritter des Souveränen Tempelherren-Ordens, den Chevalier des Ordre National der Republik Senegal, den Ehrenpräsidenten des Verbandes deutscher Übersetzer, den Sekretär der Freien Akademie der Künste in Hamburg, den Schriftsteller Rolf Italiaander.

Theater: Verjüngt

Die Heysesche „Sommernachtstraum“-Inszenierung überraschte durch die Bereicherung, Differenzierung und Verjüngung, die das Bochumer Ensemble erfahren hat, seitdem es wegen der Zusammenarbeit mit Gelsenkirchen so vergrößert werden mußte, daß vier Bühnen bespielt werden können.

Golo Mann und Georg Büchner

Eine „reaktionäre Firlefanzfeier“ und „ein ziemlich blödes Beispiel für ein veraltetes Kunstverständnis“ nannten Flugblätter die diesjährige Verleihung des Georg-Büchner-Preises durch die Akademie für Sprache und Dichtung an Golo Mann.

Finger weg von Funk und Fernsehen!

Kritik an den Universitäten war notwendig und wird wohl notwendig bleiben. Sie hatte freilich auch zur Folge, was von den Kritikern die wenigsten gewollt haben: daß Staat und Behörden an den Universitäten ein größeres Mitspracherecht gewonnen haben als etwa die Studenten.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Nicht erst seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts streiten sich Komponisten, Intendanten und Kritiker mit heißen Köpfen darüber, ob denn das eigentlich sinnvoll sei, „Oper“, und wenn ja, dann wie.

Wie wird man Dirigent?

Peter Heinrich, 1942 in Berlin geboren, absolvierte nach dem Abitur in Berlin 1961 ein Dirigenten-Studium am Berliner Städtischen Konservatorium, nahm an einem Dirigentenkurs für moderne Musik bei Michael Gielen in Köln teil, war im Sommer 1966 Teilnehmer des Dirigentenkurses am Salzburger Mozarteum, gewann im Sommer 1967 ein Stipendium des italienischen Staates für den Dirigentenkurs unter Franco Ferrara in Venedig.

ZEITMOSAIK

Von drei Seiten droht das Leiden, Vom eigenen Körper her, der, zu Verfall und Auflösung bestimmt, sogar Schmerz und Angst als Warnungssignale nicht entbehren kann, von der Außenwelt, die mit übermächtigen, unerbittlichen, zerstörenden Kräften gegen uns wüten kann, und endlich aus den Beziehungen zu anderen Menschen.

Vorbild Columbia

Die Universität ist ihrer Definition nach keine demokratische Institution. Ob Studenten zu irgendeiner Sache ja oder nein sagen, ist für mich so interessant, als teilten sie mir mit, daß sie Erdbeeren mögen.

Zehn Wünsche einer Studentin

Und das „Amen“ dieses Gebetes heißt „nicht den Mut verlieren“. Vielleicht wachen die Hochschulreformer doch eines Tages aus ihrem Schlaf auf, vielleicht wird es den Urenkeln dieser Studentengeneration wieder Spaß machen, an einer deutschen Universität zu studieren.

Fernsehen – Theorie und Praxis

Vor dem Portal des Restaurants „Mainzer Liedertafel“ trafen sich ein Regisseur, ein Hauptabteilungsleiter des Fernsehens und ein Fernsehkritiker.

Rudolf Forster

Die goldenen zwanziger Jahre, im allgemeinen eine ins Reich der Legende entrückte Glanzzeit des Theaters, waren durch ihn noch gegenwärtig: Nicht zuletzt in der Verfilmung der Dreigroschenoper erinnerte uns Rudolf Forster an eine Theaterepoche, die er wie kein zweiter zu verkörpern schien.

Verkorkste Intellektuelle

In seiner Ausgabe vom 21. September 1968 hat der in München erscheinende Bayern-Kurier unter dem Titel „Bonner Dienst zu Pankows Nutzen“ einen ebenso heftigen wie unsachlichen Angriff gegen die Deutsche Bibliothek Rom und gegen ihren Leiter, Freiherr Bibliothek von Bieberstein, veröffentlicht.

Der Augenblick des Glaubens

Zu den DDR-Schriftstellern, deren Namen genannt werden, wenn von bemerkenswerten literarischen Leistungen des „anderen Deutschland“ die Rede ist, gehört der sechsundvierzigjährige, aus Rochlitz im Sudetenland stammende Franz Fühmann.

Darstellung der Arbeitswelt – wozu?

Noch – lasen wir damals – "sind die Wunder des Alltags nicht entdeckt; noch kennen wir, bei uns in Deutschland, nicht einmal den Menschen, dessen Leben von der Arbeit geprägt ist; denn die Autoren lieben es nun einmal nicht, sich mit dem Beruf ihrer Figuren zu beschäftigen .

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