Vermaledeit unter den Weibern

Von Dieter E. Zimmer

Wir wollen, spricht Guy eines Tages zu seiner Frau Rosemarie, wir wollen ein Baby haben, okay? Er hat sich das wohlüberlegt: In eine Wohnung; die groß genug ist, ist man nun ja gezogen, mit seiner Schauspielerkarriere steht es zum erstenmal ganz vielversprechend, und die günstigsten Tage für die Erzeugung des Kindes hat er sich ausgerechnet, auf dem Kalender sind sie rot umrandet: die Mutterschaft als quasi technologische Angelegenheit. Ihr Beginn wird in stimmungsvoller häuslicher Zweisamkeit vor dem Kaminfeuer sorgfältig arrangiert, und alles spricht dafür, daß ein glückliches junges Paar genau nach Plan ein entzückendes Baby produzieren wird, das als Symbol reizender Kindschaft jede Babykostreklame zieren konnte. Hätte Rosemarie? doch nur die so sonderbar kalkig schmeckende "Schokoladenmaus" zum Nachtisch nicht gegessen!

Diese Szene spielt sich im ersten Teil von Roman Polanskis, nach dem Bestseller von Ira Levin gedrehtem neuen Film "Rosemaries Baby" ab, und in dem Maße, in dem ihre Nettigkeit trügt, trügt auch die glatte Oberfläche dieses Films, einem Horrorwerk ohne grobe Horroreffekte, das in freundlichen Farben ein freundliches, normales großstädtisches Milieu darstellt; zwar gibt es da von Anfang an einen unbestimmten Argwohn, aber welcher Mensch, der im Vollbesitz seines gesunden Menschenverstandes ist und auch nur über die Mindestdosis des für alle Lebenslagen erforderlichen Optimismus verfügt, wird sich von so krausem Verdacht, die Harmlosigkeit sei gar nicht harmlos, irremachen lassen?

Schwangere allerdings, das weiß man aus den Handbüchern auch, neigen zu den absurdesten Einfällen, es gelüstet sie zum Beispiel nach ausgefallenen Speisen, und abwegige Befürchtungen befallen sie von Zeit zu Zeit – abwegig, denn wissen wir nicht, daß heute die Mutterschaft ein beglückendes Erlebnis wie sonst keines ist und süße kleine Engelchen ihr Ergebnis?

Es gibt doch keine Hexen

Also wird Rosemarie gewiß unrecht haben, wenn ihr nach und nach der Verdacht kommt, eine Gemeinde von Hexen, zu der selbst ihr Mann gehören müßte, könnte sich gegen sie und ihr Baby verschworen haben. Zwar, da gibt es Indizien, die sich merkwürdig und unangenehm häufen. Aber schließlich leben wir in einer sauberen und sicheren Welt, auf die man sich verlassen kann; wenn auch manchmal unschöne Dinge passieren, so sind das doch dumme Zufälle, eigentlich nur die Ausgeburten einer etwas krankhaften Phantasie, Einbildungen. Der einzelne ist selber schuld, wenn ihm nicht alles in Ordnung vorkommt; man darf nur ja dem Anschein nicht trauen, und wenn er noch so schlagend ist.

Drei Vorschläge

In diese Falle locken Levin und Polanski den Leser beziehungsweise Zuschauer. Bis zum Ende ist er bereit, und nicht nur bereit, sondern tapfer entschlossen, alles als Rosemaries Hirngespinste abzutun. Über zwei Stunden lang traut er seinen Augen nicht, denn es kann schließlich nicht sein, was nicht sein darf. Aber Levin und Polanski gönnen ihm am Ende die Wiedergewinnung seiner Sicherheit ganz und gar nicht. Es ist nicht nur, was nicht sein darf; es ist alles noch viel schlimmer, und Rosemarie sollte das Baby von den Hexen gar nicht weggenommen werden, sie war vielmehr die Braut des Satans: "Er kam aus der Hölle und zeugte einen Sohn mit einer sterblichen Frau ... Er soll die Mächtigen besiegen und ihre Tempel zerstören! Er soll die Verachteten retten und Rache üben im Namen der Verbrannten und Gefolterten!" Eine Heilsgeschichte; einmal in Schwarz.

Der dauerhafte Erfolg des Buches und die Faszination, die Polanskis Film ausübt, ließen sich mit Formalien erklären: In ein "normales" zeitgenössisches Milieu scheint sich etwas unwahrscheinlich "Unheimliches" einzuschleichen, und daß man bis zum Ende im unklaren über seine Natur und Realität bleibt, erzeugt "Spannung". Das aber, Oder etwas so Bewundernswertes wie Polanskis Tempogefühl, scheint, mir zur Erklärung nicht auszureichen und wird auch den psychologischen und kombinatorischen Feinheiten von Buch und Film nicht gerecht. So aberwitzig die Geschichte von Satans Erdensohn anmutet, ihr Erfolg ist real und muß also reale Gründe in der zeitgenössischen Psyche haben.

Ich möchte dazu drei Vorschläge machen.

Erstens beziehen sich Buch und Film, und zwar das Buch noch weitaus expliziter als der Film, auf die christliche Vergangenheit unseres Kulturkreises, und das im durchaus negativen Sinn. Rosemarie steckt ihre katholische Erziehung im Blut, mitsamt einer, – ausgeprägten Sündenangst. Zwar glaubt sie sich davon emanzipiert, sie hat ja sogar einen Protestanten geheiratet, aber sie ist es nicht, genausowenig wie ihre scheinbar durch und durch rationalistische Gesellschaft es ist. Innerhalb christlichen Verständnisses, "systemimmanent" bleibend, besagen Buch wie Film: Gott hat zwar vor zweitausend Jahren seinen Sohn auf die Erde, geschickt, um die Menschheit zu erlösen, die Hoffnungen der Verachteten haben sich an ihn gehängt, aber es hat offensichtlich nicht genützt, die Menschen wurden weiter verachtet, verbrannt und gefoltert, und das sogar in Seinem Namen. (Während Rosemaries Schwangerschaft erscheint der Papst im Yankee-Stadion und betet unter anderem für den Frieden in Vietnam: mit welchem Erfolg, weiß, man.) Gott, heißt das, hat leider versagt; und jetzt probieren es die Verachteten also einmal mit seinem Widersacher: Schlimmer als die zwei christlichen Jahrtausende kann die mit der Geburt von Satans leibeigenem Sohn im Jahre 1966 anhebende Epoche auch nicht werden.

Es nützt wenig, sich dieser Implikation auf den Boden der Vernunft zu entziehen und zu sagen: Unfug natürlich, denn so etwas gibt es nicht, mitten in New York wird selbstverständlich heute kein Satan geboren. Denn in dem gleichen Maße, in dem Buch und Film rationale Abwehr-, kräfte gegen den satanistischen Aberglauben mobilisieren, mobilisieren sie diese notwendig auch gegen den Glauben; die gebenedeite Maria ist dann ebenso unakzeptabel wie die gemaledeite Rosemarie. "Rosemaries Baby" ist, wie man es auch nimmt und auf sehr listige und lustige Weise, ein ganz und gar antichristliches Werk.

Zweitens erschüttert "Rosemaries Baby" die besonders in Amerika grassierende gesellschaftliche Vertrauensseligkeit. Rosemarie und Guy erscheinen als ein Musterpaar, genau wie die Gesellschaft es sich erträumt; und ihre Nachbarn sind so herrlich hilfsbereit, wie das Nachbarschaftsethos es verlangt. Zwar etwas aufdringlich: aber wer würde sich eingestehen, daß ihm diese nachbarliche Hilfsbereitschaft lästig ist, daß sie; entsetzlich sein kann? Wer würde die Dreistigkeit haben, sie zurückzuweisen und die Nachbarn kurzerhand vor die Tür zu setzen? Gilt es doch vor allem, nett zueinander zu sein. Was Rosemarie nach und nach schwant und schließlich zur Gewißheit wird, ist aber dies: die Harmlosigkeit ist eine Täuschung, sie lebt unter Hexen und Hexern, auch der Ehepartner ist keine Ausnahme, und die immer Freude strahlende Arglosigkeit, die das gesellige Leben beherrscht und an die sich die Leute klammern, ist ein Irrtum – mißtraue deinem Nachbarn wie dir selbst.

Wahrscheinlich brauchte es den noch scharfen Blick eines Fremden, wie Polanski es in Amerika ist, um dieses nachbarliche Oberhexerpaar Roman und Minnie Castevet so hinzustellen, wie er das fertiggebracht hat: diese unmäßig geschminkte, großmäulige, hüftenschwenkende Alte mit ihrer terroristischen Gefälligkeit, und ihren so dezenten, so verständnisinnigen Ehemann. Als man sie das erstemal die Straße entlangkommen sieht, scheinen sie zu phosphoreszieren. Bis zum Ende ist man allem zum Trotz bereit, an ihre Harmlosigkeit zu glauben; das aber heißt, daß wir in genau dem Maße, in dem wir unsere Mitmenschen als "normale" Leute erleben, in dieser Normalität hexenhafte Züge wahrnehmen. Wir erleben uns gegenseitig, unter anderem, als Lemuren, auch wenn wir es uns nicht eingestehen dürfen.

Das süße Teufelchen

Und seltsam: Am Ende, als die Masken gefallen sind, als man sich endgültig zu erkennen gegeben hat, als keine verharmlosende Lüge mehr aufrechterhalten werden muß, wird die Hexengesellschaft in gewisser Weise sogar sympathisch, es entwickelt sich eine Art Solidarität. Können die "Verachteten" ohne die primitiven Illusionen über ihre Gutartigkeit etwa sogar miteinander leben?

Das süße Teufelchen

Drittens wächst das Grauen, das Film und Buch erzeugen, in der Kluft eines tiefen Widerspruchs. Früher war die Schwangerschaft auf jeden Fall eine ernste Sache: mit Sicherheit vermeidbar nur um den Preis der Askese, ökonomisch sehr wichtig und lebensgefährlich für Mutter wie Kind. Heute malt die Ideologie sie rosig. Vitaminpillen, Kalkpräparate und Atemübungen nehmen ihr weitgehend Schmerz und Risiko, und man läßt es zu ihr kommen, wann man sie will und wann man sie sich leisten kann. Die Handbücher schwärmen von dem glückhaften Erlebnis, das sie bedeute. Von diesem vorgeschriebenen Glücksgefühl verdrängt, muß aber irgendwo mehr oder weniger im Unbewußten der Verdacht sich halten, die Produktion eines neuen Menschen sei keineswegs dieser platte und nichts als wonnige Vorgang, der sie sein soll, sondern vielmehr nach wie vor eine risikoreiche, tief in den biologischen und seelischen Haushalt eingreifende Zäsur. Die Ängste hat die Wissenschaft nicht beseitigt; sie hat sie nur für illegitim erklärt. So ist Rosemaries Weg in ihre Angst gleichzeitig ein Weg weg von der neuen, hellen, sachlichen Welt der Blutsenkungen und Vitaminpillen.

Der andere Widerspruch ist der zwischen der offiziellen Versüßlichung des Kindes und der Tatsache, daß diese allerliebsten Kinderchen die gar nicht so lieben Erwachsenen von morgen sind. Als am Ende Rosemaries Mutterliebe siegt und sie ihr schreiendes Teufelchen in der schwarzen Wiege schaukelt, mußte ich an ein Photo denken, das den kleinen Adolf H. zeigte – sehr niedlich und eben doch schon Adolf H.

Es ist kein Zufall, wenn ein Gruselfilm einmal richtig funktioniert.