FÜR Leute, die irgendwann schon mal in Bischleben gewesen sind, die sich mit der Absicht tragen, demnächst dorthin zu fahren, oder die wenigstens wissen, was es mit diesem Ort auf sich hat –

Reinhard Lettau: "Gedichte"; LCB-Editionen 2, Literarisches Colloqium, Berlin; 24 S., 2,– DM.

ES ENTHÄLT neunzehn Gelegenheitsgedichte vom Erfinder des Herrn Manig, der hier, anstatt ins parabolische Niemandsland auszureisen, höchst konkrete Anlässe zu Gedichten verarbeitet hat. Lettau scheut sich nicht, Namen zu nennen, durchweg die von Kollegen. Peter Handke wird zunehmende Verinnerlichung vorgeworfen, als welche zunehmende Gehaltlosigkeit sich tarne. Die gesellschaftskritische Aggressivität des Lyrikers Peter Rühmkorf erscheint aus der Sicht Lettaus als scheinradikale Schau. Am härtesten geht er mit Günter Grass ins Gericht, der gleich in zwei Gedichten abgekanzelt wird. Den Politiker Grass disqualifiziert er als ästhetizistischen Literaten und den Literaten Grass als Klassiker.

ES GEFÄLLT immer dann, wenn es Lettau gelingt, seine Aggressionen mit Witz zu verbinden und sie als brisante Sprengladungen irgendwo im Rücken von Personen des öffentlichen Interesses zu zünden. In diesen Fällen legitimieren sich diese Gedichte als Denkmalsschändungen. Weniger gefällt es immer dann, wenn der Autor solche Gelegenheiten versifiziert, die nicht unbedingt im Interesse unserer Öffentlichkeit stehen. Es mag ja sein, daß es in der amerikanischen Stadt Boston so viele Universitäten gibt, daß, wenn Sandra Shuman aus dem Fenster "Herr Dekan" ruft, eine ganze Reihe von Passanten sich angesprochen fühlt. Ich finde das nicht so wichtig. Oder sollte mir hier irgendein untergründiger Witz entgangen sein? Dasselbe frage ich mich bei Erwähnung des eingangs genannten Ortes Bischleben, der gleich in drei Gedichten erscheint. Möglicherweise blinken einige der "anglikanischen Nonsense-Vorstellungen" auf, von denen im Waschzettel die Rede ist. Was Lettaus Poetik angeht, so erweist er sich in diesen Gedichten wie auch schon in seinen Geschichten als Verfasser von raffiniert gebauten Sätzen. Das Gedicht als äußerste Reduktion der Fabel, der Vers als nicht vollgeschriebene Zeile. Witzig auch dies. Wer sich an syntaktischem Raffinement vergnügen kann, dem dürften diese Gedichte am Ende auch dann gefallen, wenn er nie in Bischleben war, nicht dorthin will und nicht einmal weiß, was es mit dieser Ortschaft auf sich hat. Helmut Salzinger