Das Rätesystem ist dem Proletariat zu einer Vorstellung geworden, an dem es mit religiöser Inbrunst hängt. Von ihm erwartet es die Erfüllung seiner sozialen Hoffnungen und Sehnsüchte, die trotz der Demokratie bisher unbefriedigt geblieben sind.“ Wieviel Arbeiter und Angestellte in Deutschland würden diese Worte heute noch unterschreiben, mit denen im Mai 1919 der unabhängige Sozialdemokrat Heinrich Ströbel die revolutionäre Stimmung im Deutschen Reich kennzeichnete? Aber dank des Engagements der außerparlamentarischen Opposition ist die Rate-Diskussion wieder in Gang gekommen. Einige Bücher, die zur Erinnerung an den 9. November 1918 auf den Markt gelangt sind, bieten die willkommene Gelegenheit, sich an Hand von Aufsätzen und Dokumenten über den bisher: einzigen (mißglückten) Versuch zu informieren, in Deutschland eine Rätedemokratie einzuführen. Ströbels Zitat ist einer Sammlung von Referaten entnommen, die vor einem Jahr auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde in München gehalten wurden:

„Deutschland und die Russische Revolution“; Hrsg. Helmut Neubauer; W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968; 112 Seiten, 10,80 DM.

Zu unserem Thema bemerkenswert sind die Aufsätze der Historiker Walter Tormin, der als erster schon in den fünfziger Jahren über die Geschichte der Rätebewegung geschrieben hat, und Eberhard Kolb, bekannt durch sein großes Werk über die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik (Droste Verlag 1962). Kolb spricht bewußt von einer „deutschen Revolution“, da das Wort Novemberrevolution das Blickfeld zu sehr verengt. Für ihn stellt sich jenes Ereignis dar als ein „Ringen zwischen einer revolutionären Massenbewegung und einer bürgerlich-sozialdemokratischen Ordnungskoalition“, das sich in zwei Phasen vollzog: Die erste endete mit der Niederschlagung des Spartakusaufstandes und der Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919, der sich im Frühjahr 1919 eine zweite anschloß, die in den meisten Geschichtsbüchern übersehen wird. Erst in dieser Phase entstand so etwas wie eine Räte-Ideologie.

Zunächst hatten sich auch die meisten Räte selber, ganz im Sinne der Mehrheitssozialdemokratie, als Übergangserscheinung verstanden, nunmehr aber kämpfen sie um ihr Daseinsrecht neben dem Parlament, die radikaleren auch gegen das Parlament, um die Mitbestimmung schon auf den untersten Ebenen zu verankern. Aufgaben und Finanzierung der Räte waren durch Regierungserlasse festgelegt; wenn die sozialdemokratische Regierung nur gewollt hätte, so wäre es also ein leichtes gewesen, die Räte zu institutionalisieren.

Kolb meint, die Mehrheit der Arbeiter wäre sogar schon mit bescheidenen Reformen, wie demokratisierte Verwaltung, betriebliche Mitbestimmung, demokratisches Heer usw., zufrieden gewesen. Aufs Ganze gehen wollten nur die linksradikalen Gruppen, deren Erklärungen aber unbestimmt und vage wurden, wenn sie ihre Utopie eines Rätestaates konkretisieren sollten. Darin glichen sie den Kronstädter Matrosen (siehe die Rezension auf Seite 55) und auch ihren Enkeln in den Berliner Kommunen und Apo-Zirkeln.

Tormin nennt einen der Gründe für die Abneigung der Sozialdemokraten gegen das Rätemodell: die Angst vor einer Wiederholung des russischen Beispiels. Lenins Entschluß, die Nationalversammlung mit Maschinengewehren auseinanderzutreiben, hatte die deutschen Sozialisten, die auf die Demokratie eingeschworen waren, zutiefst verstört. Bolschewismus wurde nun auch für Sozialdemokraten fast zu einem Synonym für Anarchie und Terror.

In dieselbe Kerbe wie Tormin schlägt auch der Marburger Politologe Erich Matthias, der endlich mit der Legende aufräumt, als sei Ebert und den anderen Volksbeauftragten ihre Politik zwingend durch die innen- und außenpolitische Situation vorgeschrieben worden, andernfalls Deutschland dem bolschewistischen Chaos anheimgefallen wäre. Denn zu einem guten Teil bestand diese Gefahr nur in der Einbildung. Matthias spricht von einer „grotesken Fehleinschätzung der Rätebewegung“. Das Zerwürfnis in der deutschen Arbeiterschaft geht also nicht einseitig zu Lasten der Kommunisten. Mit Bekennermut verwirft Matthias die allzu eingängige Formel von „Versailles und Moskau“, den beiden Polen, zwischen denen angeblich die Weimarer Republik zerrieben wurde, ohne daß die deutschen Parteien und Regierungen sich diesem Faktum hätten widersetzen können. Matthias verdammt diese Formel als „die deutsche Ideologie der Weimarer Republik“: „eine Ideologie der Gescheiterten und der Schuldigen, der Freunde und Gegner, der Engagierten und der Hasardeure, der Verantwortungsbewußten und der Verantwortungslosen.“