Die zaghaften Ansätze einer neuen Anlagewelle auf dem Aktienmarkt, wie sie im Oktober zeitweise sichtbar wurden, sind verschwunden. Sie wurden erstickt im Gerede von einer Aufwertung der D-Mark, das trotz aller amtlichen Dementis nicht verstummen will, sondern von Woche zu Woche frisch in Gang kommt. Der ins Stocken geratene Kapitalexport, ja die „amtliche“ Aufforderung, ihn künftig vorsichtiger zu dosieren, haben das Mißtrauen gegenüber den Dementis wachsen lassen.

Unter diesen Umständen muß es als erstaunlich angesehen werden, wenn die Aktienbesitzer bislang darauf verzichtet haben, sich in nennenswertem Ausmaß von ihren Papieren zu trennen. Sie hoffen noch zuversichtlich, daß es gelingen wird, die Aufwertung zu vermeiden, andere meinen, daß die Folgen eines solchen Schritts bereits in den Kursen zum Ausdruck gebracht sind. „Denn eigentlich müßten die guten deutschen Standardaktien ja viel höher notiert werden.“ Eine Auffassung, die vom rein analytischen Standpunkt sicherlich vieles für sich hat.

Eine gewisse Stütze waren bisher auch die zahlreichen, oftmals sensationellen Sonderbewegungen. Sie spielten sich in den sogenannten Abfindungswerten ab, vor allem im Chemiebereich. Zu Beginn dieser Woche schien aber auch dieses Feld ausreichend beackert zu sein. Der Börsenberufshandel, der sich noch Ende Oktober mit höheren Beträgen in den zahlreichen Nebenwerten des Chemiemarktes engagiert hatte, – versuchte, die dort erzielten Kursgewinne zu realisieren. Das stieße jedoch auf Schwierigkeiten, weil auch hier das Publikum kaum mitgespielt hatte. Es ist typisch für die zur Zeit an der Börse herrschende Denkungsweise, daß die Nachricht von der Zusammenarbeit von AEG und Siemens im Starkstrombereich nur einen minimalen Widerhall fand. Die Früchte dieser Konzentration lassen sich mit Sicherheit erst in einigen Jahren ernten, das ist aber den in ganz kurzen Zeiträumen disponierenden „Spekulanten“ zu lang. Gekauft werden heute nur noch solche Aktien, die einen raschen Kurserfolg versprechen. Kein Wunder, wenn die Börse spekulative Züge angenommen hat.

Daß die Aktien exportintensiver Unternehmen wieder einmal mit besonderer Vorsicht „angefaßt“ werden, ist angesichts der Währungsdebatte verständlich. Soweit überhaupt Papiere zur Daueranlage erworben werden, handelt es sich um „nichtaufwertungsgefährdete“ Aktien, also um solche der Versorgungsunternehmen und auch der Kaufhäuser, die mit Beginn des Weihnachtsgeschäfts schon saisonal zu den bevorzugten Aktien zu zählen sind. K. W.