Von Erwin Scheuch

Die Protestsaison 1968/69 hat begonnen. An den Hochschulen und in den großen Städten wird nun wieder diskutiert werden, ob diese oder jene Konfrontation einen Sinn hatte oder ob diese oder jene Protestaktion schlechten Stil bewies.

Für die an verschiedenen Spielarten des Marxismus orientierten kleinen Gruppen der Studenten haben Konfrontationen nur eine Rechtfertigung: an einem konkreten Fall den noch nicht Gläubigen, aufzuzeigen, daß die eigene Lehre richtig ist. Eine Demonstration gegen Notstandsgesetze ist für diese Marxisten nicht in erster Linie eine Demonstration gegen die Notstandsgesetze; eine solche Demonstration soll ein Lehrstück sein über den undemokratischen Charakter unseres politischen Systems. Jeder konkrete Anlaß – wie die Erhöhung von Gebühren für Straßenbahnfahrten oder die Forderung nach höheren Stipendien – muß für eine richtig geplante Demonstration bloßer Anlaß bleiben.

führt eine Demonstration gegen den Vietnam-Krieg nur dazu, daß die Beteiligten in ihrem Widerstand gegen den Vietnam-Krieg bestärkt werden, so hat die Demonstration nach Ansicht dieser Marxisten versagt; Ziel einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg muß sein, die Teilnehmer zur (teilweise vermeintlich) marxistischen Interpretation von Gegenwartsgeschichte zu bekehren. So lautete die Theorie – aber so war die Praxis schon lange nicht mehr zu deuten.

Durch Konfrontation erst den Tatbestand zu erzeugen, den man selbst behauptete, den aber sonst keiner sieht: das läßt sich auch ohne marxistische Theorie praktizieren. Die radikalen Negerführer in den USA, die selbst ebensolche Rassisten sind wie die borniertesten Gegner der Neger, müssen ihren eigenen Rassismus rechtfertigen durch die Demonstration, alle anderen seien auch Rassisten. Was aber macht man mit den Weißen, die sich um die Gleichstellung – oder sogar bevorzugte Behandlung – der Neger bemühen? Diese Liberalen entlarven ja den eigenen Rassismus der radikalen Negerführer. Deshalb also das Rezept: Haut die weißen Freunde so lange, bis sie quietschen, und sagt dann: Sie sind also doch wie alle anderen Weißen. Wie aber bringt man Wohlmeinende zum Ärger? Antwort: Man verhält sich aggressiv und absurd. Je weniger Theorie solche Radikalen besitzen, um so freier und phantasievoller läßt sich das Spiel handhaben.

Konfrontationen der APO haben in der Vergangenheit immer schon als wichtigsten Zweck gehabt: durch die Gegenreaktion der Provozierten bei den Demonstranten selbst ein Gefühl der Einheit herzustellen, das vorher nicht vorhanden war. In ihrer direktesten Form wird diese Technik von amerikanischen Demonstranten benutzt: Man stellt sich vor Polizisten und sagt ihnen halblaut: dreckige Polizistenschweine – und wartet, bis der Mann in Uniform zu schlagen beginnt. Die Kunst der Demonstration verlangt dann, daß man die Schläge auf die weniger beteiligten Demonstranten, möglichst sogar auf Unbeteiligte, lenkt. Für diesen Zweck hat sich eine ganze Choreographie entwickelt.

Für diese Technik, Konfrontation durch absurd scheinendes Verhalten zu erzwingen, ein Beispiel für sehr vieles aus der Bundesrepublik, das nicht „nachrichtenwürdig“ wurde: Der Senat der Universität Köln hatte mit Mehrheit eine verstärkte Teilnahme von Studenten beschlossen – einschließlich ihrer zukünftigen Teilnahme an Rektorwahlen; die Abstimmung mußte noch einmal wiederholt werden, da es an dem Quorum fehlte. Inzwischen stand die Rektorwahl nach bisherigen Verfassung an. Dem SDS-AStA, der in den bevorstehenden Studentenwahlen eine Niederlage fürchtete, fehlte ein Wahlschlager. Lösung: Ein Go-in des AStA in die Aula als Ort der Rektorwahl, Inszenierung eines lärmenden Auftritts mit Pulteklappern und Zwischenreden. Selbstverständlich war der zuständige APO-Journalist einer Lokalzeitung plus Photograph dabei, um einen selbstgeschaffenen Vorfall zu verbreiten.