R. Z., Berlin, im November

Aus der Umgebung Kurt Georg Kiesingers war eben verlautet, zwei Ärzte seien an das Krankenbett des Kanzlers gerufen worden, da schickte sich ein junger, forscher’ Delegierter an, öffentlich, vor dem Plenum des CDU-Parteitags in Berlin, die Führungsqualitäten des Bundeska zlers anzuzweifeln. Den blonden jungen Mann hatte Kiesingers Passage über die mögliche Fortsetzung der Großen Koalition erbittert, und er sprach in jenem Ton respektloser Kritik, der bis dahin in den heiligen Hallen der CDU-Parteitage nicht gehört worden war. Aber viele Delegierte empfanden dies keineswegs als frevlerisch; sie klatschten begeistert Beifall. Die CDU beginnt wieder einmal am Denkmal ihres Kanzlers zu rütteln.

Tatsächlich ist Kiesinger genau das widerfahren, was auch der SPD-Führung im Frühjahr auf dem Nürnberger Parteitag passiert ist: Er hatte den Unwillen gegen die Große Koalition in seiner Partei unterschätzt. Er hatte sich als Kanzler der Großen Koalition präsentiert; die CDU-Delegierten aber wollten ihren Parteivorsitzenden hören. Und zu allem Unglück war Kiesinger, der mit blasser Leidensmiene und leise vor sich hin hüstelnd am Präsidiumstisch saß – er hatte von seiner Spanien-Reise eine Grippe mitgebracht – offensichtlich nicht in bester Verfassung.

„Mit belegter Silberzunge“ – so spöttelten Journalisten – absolvierte er eine aus vielen Versatzstücken zusammengestellte Rede, ganz auf die gemeinsame Leistung der beiden Parteien in der Großen Koalition gestimmt. Es war, eine etwas müde Rede, aber durchaus zweckmäßig, wenn man davon ausgeht, daß es ganz im Sinne der CDU-Wahlkampf-Strategie liegen muß, wenn der Kanzler segnend über der Arbeit beider Parteien schwebt, während andere, besonders der Generalsekretär Heck, in kluger Arbeitsteilung sich polemisch mit den Sozialdemokraten auseinandersetzen.

So war es geplant, und so wäre es wohl auch gelaufen, wenn der Kanzler nicht gestolpert wäre. Als er vom notwendigen Ende der Großen Koalition sprach, brandete ihm plötzlich unerwartet stürmischer Beifall entgegen. Dem Kanzler schien es nun offenbar notwendig, ein paar Dämme zu errichten. Er gab den Delegierten zu bedenken, je nachdem wie das Wahlergebnis ausfalle, könne die Union gezwungen sein, die Große Koalition auch noch bis 1973 fortzusetzen. Und dabei ließ er, wie viele Delegierte meinten, seine eigene Neigung doch etwas zu deutlich durchblicken. Es geschah das Unglaubliche, auf einem Parteitag der CDU noch nicht Dagewesene: Der christlich-demokratische Kanzler wurde von einer Gruppe seiner Parteifreunde ausgezischt. Dabei handelte es sich zwar um eine kleine Minderheit, aber diese Minderheit unterschied sich nur in der Methode ihres Protests von der Mehrheit. Der Parteitag war der Auffassung: keine Fortsetzung der Koalition mit der SPD; und wenn es denn doch dazu käme, dann sollte jetzt wenigstens nicht davon geredet werden.

Plötzlich wurde deutlich, daß Kiesingers Stellung in der CDU nicht auf allzuviel Vertrauen begründet ist. Er hatte nur eine einzige Blöße geboten, und schon war der latente Unmut gegen den Kanzler in mürrischen Protest umgeschlagen. Viele in der Partei nehmen Kiesinger übel, daß er, wie sie meinen, Schröders Präsidentschaftskandidatur blockiert hat.

Von Rebellion freilich kann im Ernst nicht gesprochen werden – obwohl einige prominente Redner nach Kiesinger, die ihr Image etwas aufhellen wollten, die Kanzlerrede als dunkle Folie benützten. Der rheinland-pfälzische Landesvorsitzende Helmut Kohl zum Beispiel, dem manche eine große Zukunft in der CDU prophezeien, hatte die Stimmung genau registriert und sich deutlich vom Kanzler distanziert: „Es darf nicht der Eindruck entstehen, als ob die Große Koalition auf alle Fälle fortgesetzt wird.“