Von Diether Stolze

Wer abergläubisch ist, mag darin ein schlechtes Omen sehen: In Wall Street wurde in der vergangenen Woche ein fast vierzig Jahre alter Rekord gebrochen. Ein Sitz an der New York Stock Exchange, der größten Börse der Welt, wechselte für 500 000 Dollar den Besitzer. Der bisherige Spitzenpreis von 495 000 Dollar war im Oktober 1929 bezahlt worden. Kurz darauf begann damals nach Jahren stürmischer Expansion der Absturz der Weltwirtschaft in die längste und folgenreichste ökonomische Krise unseres Jahrhunderts. Auch heute herrscht wieder allenthalben Optimismus, zumal in den USA, die seit acht Jahren keine Flaute mehr erlebt haben. Das Sozialprodukt erhöht sich von Monat zu Monat, die Unternehmer verdienen mehr als je zuvor, und die Börsenkurse nähern sich ihrem Höchststand. Aber könnten sich die Ereignisse der frühen dreißiger Jahre nicht doch noch mal wiederholen? Coleman Andrews, Präsident einer Versicherungsgesellschaft, hat einmal die Warnung ausgesprochen, die schlimmste Bedrohung für die USA sei eine weltweite Abrüstung: „Ein Zehntel unserer Kaufkraft kommt aus der Rüstungsindustrie – wenn sie ausfällt, wäre eine katastrophale Wirtschaftsdepression unvermeidlich.“

Nun, gegenwärtig „droht“ gewiß keine totale Abrüstung, aber immerhin erscheint eine Beendigung des „teuersten aller kleinen Kriege“ möglich. Noch weiß niemand, ob und wann in Vietnam die Waffen schweigen werden – aber schon jetzt wird der neue Präsident in Vorbereitungen für einen Übergang zur „Friedenswirtschaft“ die wichtigste Aufgabe seiner künftigen Wirtschaftspolitik sehen müssen. Er kann sich dabei auf die Arbeit seines Vorgängers stützen: Lyndon B. Johnson hat von einem Post Vietnam Policy Committee präzise Vorschläge ausarbeiten lassen.

Die ökonomischen Auswirkungen der Einstellung der Bombenangriffe auf Nordvietnam sind praktisch bedeutungslos. Obwohl die Amerikaner über Vietnam mehr Bomben abgeworfen haben als während des Zweiten Weltkrieges über Deutschland, dürften doch nur etwa 5 Prozent der Kriegskosten auf die Produktion von Bomben entfallen sein. Hinzu kommt, daß die Air Force ihre Magazine auffüllen wird, solange noch kein Waffenstillstand erreicht ist.

Die Experten, die den „Generalstabsplan für den Frieden“ ausgearbeitet haben, gehen davon aus, daß, Rückwirkungen auf die amerikanische Wirtschaft erst nach einer allgemeinen Feuereinstellung zu erwarten sind, nach dem T-Day (für termination of hostilities). Die Ausgaben für Munition würden nach diesem Tag fast völlig, für Ersatzlieferungen, und Treibstoff weitgehend wegfallen, und entsprechend würden sich auch die Transportkosten USA – Vietnam drastisch vermindern. Gegenwärtig kostet jeder Tag Krieg in Vietnam die USA gut 80 Millionen Dollar. Sechs Monate nach T-Day werden die Ausgaben um mehr als 20 Prozent auf 60 bis 62 Millionen Dollar pro Tag gesunken sein.

Die entscheidende Phase beginnt aber erst mit dem Abzug der in Vietnam stationierten Soldaten nach einem Friedensschluß, mit dem R-Day (für redeployment). Die amerikanische Wirtschaft muß dann Hunderttausende neuer Arbeitsplätze zur Verfügung stellen können, um entlassene Soldaten und Rüstungsarbeiter aufzunehmen. Die Studie, die von der Expertengruppe unter Vorsitz des ökonomischen Chefberaters der Regierung Arthur Okun ausgearbeitet worden ist, geht davon aus, daß jeden Monat 40 000 bis 50 000 Mann demobilisiert werden.

Gegenwärtig stehen knapp 520 000 Amerikaner in Südvietnam und noch einmal die gleiche Zahl in den USA in Ersatz- und Versorgungseinheiten. Die Generale im Pentagon haben den „Friedensplanern“ mitgeteilt, sie würden darauf bestehen, daß nach Beendigung des Krieges noch mindestens 50 000 amerikanische Soldaten wenn nicht in Vietnam, so doch in Militärbasen in Südostasien stationiert bleiben.