Von Ernst Weisenfeld

Paris, im November

In dieser Woche nehmen französische Seestreitkräfte im Mittelmeer an Manövern des westlichen Bündnisses im Südabschnitt der NATO teil. Obwohl Frankreich seine letzten Marineeinheiten dem NATO-Kommando schon vor vier Jahren entzogen hatte, wirkte es schon mehrfach – „mit mehr oder weniger Beflissenheit“, wie man in Paris sagt – an solchen Manövern mit. Diesmal erscheint diese Teilnahme wieder selbstverständlich.

Frankreich verfolgt die sowjetische Flottenpräsenz im Mittelmeer und die sich daraus ergebende strategische Veränderung an Europas Südflanke mit wachsender Aufmerksamkeit. Die Entwicklung im Mittelmeer ist mit ein Anstoß zur Überprüfung der außenpolitischen Positionen gewesen, die in Paris seit der tschechischen Krise lautlos vor sich geht. Niemand weiß heute, wie weit diese Überprüfung geht. Man rechnet nicht damit, daß das erklärte Ziel der gaullistischen Außenpolitik, die Überwindung der Blöcke und des Blockdenkens, in Frage gestellt werden soll. Aber Frankreich möchte sich offensichtlich der neuen Situation militärstrategisch anpassen. Sachverständige werfen in diesem Zusammenhang schon die Frage auf, ob französische Mittelstreckenraketen, die in der Provence in unterirdischen Silos verbunkert werden, die adäquaten Abschreckungswaffen sind, wenn sich die Sowjets an der nordafrikanischen Küste festsetzen. Nicht zum erstenmal seit Frankreichs militärischem Rückzug aus der NATO stellt sich das Problem einer auf Arbeitsteilung beruhenden strategischen Zusammenarbeit mit den USA.

Ob solche Überlegungen auch dem Elysée zugeschrieben werden können, ist ungewiß. Aber daß sie in Paris ernsthaft angestellt werden, deutet auf eine Bereitschaft hin, die bisherige Doktrin zu überprüfen. Vor diesem Hintergrund muß auch das Gerücht verstanden werden, wonach Frankreich schon mit Amerika über die Lieferung von nuklearen Sprengköpfen verhandele.

Die Problematik der französischen Militärpolitik machte auch Armeeminister Messmer vor der Nationalversammlung deutlich, als er über den Verteidigungsetat sprach. Er sagte einerseits: „Die Aufgabe, unsere thermonuklearen Sprengsätze in eine militärisch verwendbare Form zu bringen, steht noch vor uns“, und zum anderen: „Unser Militärprogramm für die Jahre 1965 bis 1970 wird Verzögerungen von sechs bis zwölf Monaten erfahren. Unsere langfristigen Pläne für den Zeitraum von 1971 bis 1980 müssen wir dagegen revidieren und amputieren. Das scheint uns heute annehmbar. Aber das könnte morgen anders aussehen, wenn sich die internationale Lage verschärfen sollte; denn man improvisiert nicht eine Armee in Zeiten der Gefahr.“

Vor der Presse ging der Minister noch weiter, als er erklärte, über die Rolle der französischen Armee im Falle einer schweren internationalen Krise, über ihre Zusammenarbeit also mit den Streitkräften der NATO, werde Frankreich „direkt mit den Vereinigten Staaten verhandeln. Frankreich ist zu jedem Gespräch bereit“.