Von Hilke Schlaeger

Im Rektorat der Freien Universität Berlin wurden nächtens Fensterscheiben eingeworfen; an der Wand stand am nächsten Morgen in blauer Farbe „SS-Reform von oben“; Studenten versammelten sich und protestierten; die Assistenten der beiden soziologischen Institute und des Otto-Suhr-Instituts traten in den unbefristeten Streik und halten keine Lehrveranstaltungen mehr ab.

Der Rektor der Universität, Ewald Harndt, Professor für Zahnmedizin, hatte es abgelehnt, den Soziologiestudenten Bernd Rabehl zum Hilfsassistenten zu machen.

Juristisch glaubte sich Harndt soweit abgesichert, daß er politisch unklug handeln zu dürfen meinte. Bernd Rabehl ist nämlich Mitglied des SDS, ein prominenter Wortführer der außerparlamentarischen Opposition; manchen gilt er als Nachfolger Rudi Dutschkes, und für Harndt ist klar, daß er nicht auf dem Boden der Verfassung steht.

Wie Rabehl erging es im letzten Semester schon einem anderen berühmten APO-Mitglied: Auch Wolfgang Lefèvre erhielt vom Rektor nicht die Erlaubnis, Hilfsassistent zu werden. Damals ging das im allgemeinen Chaos des Sommers unter, und das mag den Rektor bewogen haben, das gleiche Spiel noch einmal zu versuchen – mit der Begründung, daß man der Universität nicht zumuten könne, die auch noch zu bezahlen, die sie „zerstören“ wollen.

Am 16. September hatte Dieter Claessens, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie, den Rektor gebeten, Rabehl als Hilfsassistenten einzustellen; Rabehl sollte einen Arbeitskreis für politische Ökonomie leiten. Am 14. Oktober teilte der Rektor dem Soziologie-Professor mit, daß er keinen Vertrag mit dem Soziologie-Studenten wünsche: Rabehl habe „sich wiederholt gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes und der Verfassung von Berlin und für die sozialistische Revolution‘ ausgesprochen“; er habe zur „permanenten Revolution“ an der FU aufgerufen; der Universität sei daher „die Begründung eines Dienstverhältnisses mit Herrn Rabehl nicht zuzumuten“.

Hätte Harndt beizeiten zugegeben, daß sein Widerwillen gegen den SDS-Studenten politischer Natur sei, wäre die Sache verhältnismäßig einfach. Dann handelte es sich um eine klare Übertretung der Kompetenzen. Aber Harndt behauptete, seine Gründe seien rein juristische, und zum Beweis ließ er von seiner Pressestelle einen Paragraphen des Bundesangestelltentarifvertrages zitieren, in dem es heißt: „Ich gelobe: ich werde meine Dienstobliegenheiten gewissenhaft erfüllen und das Grundgesetz für die Bundesrepublik sowie die Gesetze wahren.“ Das hätte Rabehl unterschreiben müssen, und das mochte der Rektor ihm nicht antun.