Von Reinhard Rürup

Es ist die historische Aufgabe des Proletariats, wenn es zur Macht gelangt an Stelle der bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie zu schaffen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen. Sozialistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirtschaft geschaffen ist, als fertiges Weihnachtsgeschenk für das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll sozialistischer Diktatoren unterstützt hat. Sozialistische Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. Sie beginnt mit dem Moment der Machterhebung durch die sozialistische Partei.“

Rosa Luxemburg, die diese Sätze 1918 niederschrieb, zählte nicht nur zu den frühesten, sondern auch zu den scharfsinnigsten und entschiedensten linken Kritikern bolschewistischer Praxis in der russischen Revolution. Ihre Kritik traf den Kern der Problematik äußerlich erfolgreicher sozialistischer Revolutionen, den scheinbar unaufhebbaren Widerspruch zwischen den Notwendigkeiten der Machtsicherung und radikaler Demokratisierung. Auch Rosa Luxemburg bejahte die „Diktatur des Proletariats“, aber es sollte eine Diktatur der Klasse, der breiten Massen der arbeitenden Bevölkerung sein, nicht die Herrschaft einer kleinen Gruppe im Namen der Klasse; sie sollte den notwendigen Demokratisierungsprozeß ermöglichen, nicht verhindern.

„Alle Macht den Räten“, das war die Formel, die den radikaldemokratischen Ansatz dieses revolutionären Sozialismus am stärksten verdeutlichte, und bis heute ist die linke Kommunismuskritik weithin durch den Gegensatz „Parteiherrschaft oder Rätedemokratie“ geprägt. Nicht immer sind dabei konkrete Rätesysteme gemeint; die Vokabel „Räte“ bezeichnet nicht mehr (aber auch nicht weniger) als ein massives Ungenügen an der Herrschaftspraxis und Gesellschaftsstruktur kommunistisch regierter Staaten.

Für die Frühgeschichte der Sowjetunion liegt nunmehr ein umfangreicher Dokumentenband vor, der für jeden, der die Probleme des Sozialismus studiert, von mehr als nur historischem Interesse ist:

„Arbeiterdemokratie oder Parteidiktatur“; Dokumente der Weltrevolution, Bd. II, Hersg. von Frits Kool und Erwin Oberländer, eingeleitet von Oskar Anweiler; Walter-Verlag Ölten und Freiburg i.Br., 1967; 536 Seiten, 34,– DM.

Er enthält Dokumente der linken Oppositionsgruppen innerhalb der Kommunistischen Partei der Sowjetunion vor 1923 (also in jenen Jahren, in denen Trotzkij noch eine beherrschende Rolle in der Parteiführung innehatte und daher bevorzugtes Objekt jener Kritik war, von der er selber wenig später einiges aufgriff), und er birgt „Die Wahrheit über Kronstadt“, jenes einzigartige Dokument des Aufstandes der Kronstädter Matrosen von 1921. Alle Dokumente sind ungekürzt abgedruckt, viele erscheinen erstmals in deutscher Sprache; die Anmerkungen sind knapp gehalten, aber nützlich. Wichtig und aufklärend ist die große Einleitung, die unter das Motto der eingangs zitierten Sätze Rosa Luxemburgs gestellt wurde. Sie stammt von Oskar Anweiler, dem Verfasser des grundlegenden Werkes über die Rätebewegung in Rußland 1905 bis 1921.