Von Cornelia Jacobsen

Er hat den Rachen zum Fortissimo aufgerissen, den Körper hochgereckt; und wie er die Pranken Mikrophon, In der rechten könnte er ganz gut das Mikrophon, in der linken die „Strippe“ halten. Der Goldene (wie der Silberne und der Bronzene) Löwe wirkt, als sei er selbst ein hoch, gerstar. Das Metalltier, zwei Handspannen hoch, ist die Trophäe, die Europas „erfolgreich-Luxemburg Jahr für Jahr für den Erfolgreich? Das Schlager des Jahres“ aussetzt. Erfolgreich? Die Leute in diesem Fall: am meisten gewünscht. wie Leute schreiben Briefe mit Schlagerwünschen wie die Kinder den Wunschzettel an den Weihnachtsmann.

Der Weihnachtsmann ist hier die „Deutsche Abteilung“ jenes Senders, der nicht von Gebühren, sondern von Werbehonoraren lebt. Waschmittel, Leberpillen, Babynahrung, Kosmetika – am schönsten und besten verkauft man die Werbung mit Musik, mit jener Musik, auf die das Volk hört, mit Pop-Musik. Wozu angemerkt sei: Diese Musik mit der kennzeichnenden Vorsilbe „Pop-“ hat mit Pop-Kunst oder ähnlichem nichts zu tun; populär music, zuerst so in Amerika, dem Vaterland des Musik-Showgeschäfts, genannt, bedeutet nichts anderes als Schlagermusik, im weitesten Sinne allerdings, Chanson und Musical inbegriffen.

An einem Tag hat sich das „Volk“, achtzehntausend Ohren stark, in einer überdimensionierten Industriescheune versammelt. In der Essener Gruga-Halle wird Luxemburgs Löwe an die Interpreten der erfolgreichsten Schlager überreicht. Der Sender zelebriert Öffentlichkeit mit einem „Gala-Konzert“. Es sind „große Stunden“, vier Stunden weniger der großen Stars, als der aktuellen „Sternschnuppen“. Der Goldene Löwe wird diesmal, unter Ovationen wie bei einer Fußballweltmeisterschaft, doppelt verteilt. Peter Alexander erhält den einen, ein Junge namens Heintje den anderen. Heintje hat den Stimmbruch noch vor sich. Peter Alexander ist längst ein gestandener Show-Mann.

„Schön muß es sein, dich zu lieben...“ singt „Peter der Große“, wie man ihn in der Branche nennt, einen Mann in den frühen Vierzigern; und man darf sicher sein, auch die Fünfzigerin in der Brokatbluse auf Platz 23 in Reihe 32 schließt die Augen und fühlt sich getroffen wie von Cupidos Pfeil.

„Mama“ und „Ich bau dir ein Schloß“ hatte ein paar Minuten vorher der Knabe Heintje, zwölf Jahre alt, zum Dach der riesigen Halle hinaufgeschmettert, als ginge es um einen Lautstärke-Test. Und die Fünfzigerin hätte am liebsten den Jungen in ihre Arme geschlossen, als sei’s ihr eigener. Das Wunschkind rührte, der Wunschmann verzauberte das Herz – und das nicht nur bei fünfzigjährigen Bürgersdamen.

Heintje, der blonde kleine Junge aus Holland, und Peter Alexander, der galante große Junge aus Österreich, markieren die Pole des Geschäfts mit dem Gefühl, das hier in Dur-Optimismus offeriert wird. Es ist ein Geschäft, an dessen Ende, für den Künstler jedenfalls, nicht selten die frühe Pleite steht.