Dr. Heimo Rau ist Leiter des neugegründeten Max Moller Bhavari (Goethe-Institut) in Bombay.

Von den drei großen asiatischen Kunstkreisen nachchristlicher Kunstentwicklung ist der fernöstliche und der nahöstlich-islamische unserem Verständnis seit fast einem Jahrhundert nahegerückt. Der südasiatisch-indische Kunstkreis dagegen bietet unserer ästhetischen Neugierde größeren Widerstand. Erst die große Ausstellung der Villa Hügel im Jahre 1959 hat den Bann, so scheint es, gebrochen.

Halbwegs zwischen Bombay und Delhi, in zwölfstündiger Bahnfahrt zu erreichen oder mit Hilfe von Flugzeug (bis Bhopal) und Auto, liegt eine Perle frühbuddhistischer Kunst, die nur allzu oft aus Mangel an Zeit vergessen wird: Santschi. Wie eine indische Akropolis steigt der Hügel mit seinen drei erhaltenen Stupas auf. Obwohl von hier aus fast alle Reisen weiter in den Norden gemacht werden, möchte ich mich besonders dem Süden zuwenden. In Madras sollte der Reisende das Government-Museum nicht auslassen. In ihm sind zwei Gruppen von Kunstdenkmälern bemerkenswert. Die erste umfaßt Steinplatten vom Stupa von Amaravati und benachbarten Denkmälern aus dem Andhraland im Mündungsgebiet der Krischna und der Godaveri. Dort blühten der Buddhismus und seine Kunst in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten mit einer Fülle von Heiligtümern, die allesamt der Zerstörung anheimgefallen sind. Die grünlich schimmernden Kalksteinplatten im Museum lassen uns den Zauber dieser leichtbeschwingten Kunst ahnen, die wie eine Fortsetzung der Reliefkunst von Santschi wirkt, mit grazileren und schlankeren Gestalten und Szenen, welche den gesamten Vorrat an Kompositionsschemen, Körperstellungen und Menschengruppierungen für die weitere indische Kunstentwicklung geprägt haben. Die zweite bemerkenswerte Denkmälergruppe im Museum von Madras finden wir im Bronzesaal vereint. Südindien war um die Jahrtausendwende das klassische Land des Bronzegusses. Die schimmernden Göttergestalten, die hier entstanden, gehören zum Schönsten, was die indische Kunst zur Weltkunst beigetragen hat. Allen voran steht der berühmte tanzende Schiwa, dessen Darstellung sich in Hunderten von Exemdessen in den Tempeln des Landes findet.

Vor den Toren von Madras, draußen in der alten Hafenstadt Mahavalipuram am Strande des Indischen Ozeans wartet ein unvergeßliches Erlebnis: die aus Granitblöcken herausgehauenen Tempel der Pallavakönige des 7. Jahrhunderts mit stufenförmigen Dächern und reich an Bildwerk. Reliefs in dem flüssigen Stil jener klassischen Zeit mit schlanken, biegsamen und doch kraftvollen Leibern und ausgewogenen Bildkompositionen. Als stünde er vor einer’-Bühne, deren Vorhang geöffnet ist, so konnte der Gläubige die Götterschicksale betrachten: sei es der wilde Kampf der Durga gegen den Büffeldämon, sei es die ewige Ruhe Wischnus auf der Weltenschlange jenseits von Zeit und Raum, Kompositionen, die bezeichnenderweise an gegenüberliegenden Wänden eingemeißelt sind, so daß der Betrachter nicht umhin kann, in beide Extreme des Daseins einzutauchen.

Nicht ins Dunkel einer Höhle oder ins Halblicht einer Halle eingeschlossen ist ein riesiges Relief, das eine ganze Felswand von über acht Meter Höhe bedeckt. Dem Auge bietet sich ein Felsspalt dar, durch den einst Wasser aus einer Zisterne herabstürzte, erfüllt von schlangenleibigen Nagas, Wassergöttern, die ehedem nur durch den Schleier des Falles sichtbar waren. Am Ufer des lebenspendenden Stromes versammeln sich Menschen. Ein Sadhu sitzt vor einem Heiligtum, ein anderer hat sich, mit erhobenen Armen auf einem Bein stehend, der strengsten Askese verschrieben. Was das Auge aber besonders entzückt, ist die Tierwelt, die sich zum Wasser drängt und deren Gattungen mit liebevoller Einfühlung charakterisiert sind, zuweilen nicht ohne Humor, wie bei der Yoga übenden Katze, zu deren Füßen die Mäuse tanzen. Hier ist ein Weltbild, das die ganze Schöpfung umfaßt.

Tempelstätten am Meer gibt es auch in Orissa, weit im Norden der Ostküste. Dort waren vor Zeiten die „weiße Pagode“ von Puri und die „schwarze“ von Konarak Landmarken für den Schiffer, der durch die Bucht von Bengalen segelte. Das Flugzeug bringt uns nach Bhuvanesvara, der Hauptstadt von Orissa. Dutzende von Tempeln aus rotem Sandstein haben sich dort aus dem Mittelalter erhalten, alle mit Türmen, die sich in konvexer Kurvatur langsam verjüngen und manchmal wie riesige Maiskolben aussehen. Ins Heiligtum von Puri ist uns der Zutritt verwehrt, aber in der Einsamkeit des Meeresstrandes stehen wir staunend vor dem Sonnentempel von Konarak, der mit zwölf riesigen steinernen Rädern ausgestattet ist und von sieben Rossen gezogen wird, die der Sonnengott Surya selber lenkt. Die kosmische Bezugnahme ist bei diesem Bauwerk deutlich, das in der Mitte des 13. Jahrhunderts entstand. Kalkutta ist von Bhuvanesvara aus in einer Nachtfahrt mit dem Zug oder in wenigen Flugstunden zu erreichen. Es bietet dem Kunstbeflissenen ein reiches Museum, wo plastische Kostbarkeiten aus allen Epochen der indischen Kunst dichtgedrängt stehen. Hier fand auch der Steinzaun von Bharhut seine Aufstellung, eines der ältesten buddhistischen Denkmäler aus dem 1. Jahrhundert vor Christi. In ihm erkennen wir eine Vorstufe zu den Toren von Santschi.

Delhi, die Hauptstadt der Indischen Union besitzt ein Nationalmuseum, das erst nach der Befreiung aufgebaut worden ist und einen systematischen Überblick über die Entwicklung der indischen Plastik und Malerei gibt. Jede Stilphase ist durch Werke der Spitzenqualität vertreten. So empfiehlt es sich für den Besucher Indiens, der sich mit seiner Kunst befaßt, diese Gelegenheit zu einem ausgiebigen Studium zu benutzen. Wer nicht systematisch vorgehen will, wird seine Freude an dem wechselnden Spiel der Skulpturen haben und eine wahre Augenweide in der Miniaturensammlung finden. In der zentralasiatischen Abteilung sind die Funde von Sir Aurel Stein ausgestellt, die der große Forscher aus den Oasenstädten am Rande der Taklamakanwüste gerettet hat. Sie ist ein Seitenstück zur Turfansammlung des Indischen Kunstmuseums in Berlin.

Das weiträumig angelegte New Delhi ist schon allein eine Reise wert. Die modernen Repräsentationsbauten auf der höchsten Stelle der Stadt fügen sich würdig in die Kette muslimischer Paläste, Moscheen und Grabmäler, die durch fast ein ganzes Jahrtausend zu verfolgen sind. Angefangen vom Qutb Minar, dem Siegesturm der ersten türkisch-afghanischen Eroberer Delhis, der sich wie die hochgereckte Faust des Steppenkriegers ausnimmt und ein fesselndes Beispiel des Fortbestehens hinduistischer Formensprache unter muslimischer Herrschaft darstellt. Niemand sollte es versäumen, das rätselhafte, amphitheatralisch mit Stufen umgebene Wasserbecken von Suraj Kund zu besuchen, das, mitten im Dschungel gelegen, eine letzte Erinnerung an ein vorislamisches Sonnenheiligtum bewahrt. Tughlukabad, Purana Qila, Firoz Shah Kotla, Rotes Fort sind die Namen der hervorstechendsten alten Stadtanlagen in Form von gewaltigen Festungen, deren Trümmer uns noch Hochachtung abnötigen. Verschiedenen Jahrhunderten angehörig, läßt sich an ihnen die Geschichte und die Kunstentwicklung Delhis ablesen. Nicht weniger einprägsam sind die Grabbauten, an denen die Hauptstadt so reich ist. Die neuen Vorstädte umringen nicht selten die alten düsteren Mauern mit hellen Würfeln. Viele aber sind in vorbildliche Parkanlagen eingebettet, wie die Lodi-Gräber, das Grabmal Humayuns, der erste gewaltige Kuppelbau der Moghuiherrscher, oder schließlich das rokokohaft zierliche Grab des Safdarjang. In dieser Folge stellt sich die Architekturentwicklung vom 15. bis ins 18. Jahrhundert dar. Die Mausoleumsgärten wie die Gedenkstätten für Nehru und Gandhi sind für die Bewohner von Delhi beliebte Picknickplätze an freien Tagen.