Von Wolfram Siebeck

Frühere Schätzungen, das lassen die Ereignisse der letzten Wochen erkennen, reichen längst nicht mehr aus. Man rechnete damals mit zwanzigtausend bei uns spionierenden Agenten. Lächerlich. Heute hat jede kleine Gemeinde ihren Dorfspion (der Gemischtwarenhändler beschreibt Ihnen den Weg), und in den Großstädten stehen sie vor den Photoläden Schlange, um ihre Mikrofilme entwickeln zu lassen.

Das ist ziemlich deprimierend für Leute, die glauben, so was schadete unserer Abwehrkraft. Wenn es jedoch nur ein paar hunderttausend Bundesbürgr sind (und es sind bestimmt doppelt soviel), die als Lohnempfänger oder auf Honorarbasis für ausländische Geheimdienste arbeiten – welche Konjunkturbelebung bewirken dann diese Devisenbringer. Wieviel zusätzliche Kaufkraft führen sie unserer Wirtschaft zu! Vollbeschäftigung, Devisenüberschuß, ja, das neuerlich erblühte Wirtschaftswunder, all das verdanken wir der Agententätigkeit breiter Volkskreise, deren Verhalten man demnach nur als patriotisch bezeichnen kann.

Das Schlimmste, was in dieser Situation passieren könnte, wäre ein Spionageboykott durch feindliche Staaten. Er würde Hunderttausende brotlos machen und unsere Wirtschaftsstabilität gefährden.

Damit ist aber Gott sei Dank nicht zu rechnen. Unter den beliebtesten Spionageländern nimmt die Bundesrepublik immer noch den ersten Platz ein. Erst kürzlich, als der Verfassungsschutz nicht umhin konnte, einen größeren Spionagering auszuheben, fiel den Beamten ein "Spionageführer durch die Bundesrepublik Deutschland" in die Hände. Das 387 Seiten starke Buch enthält, mit Geheimtinte geschrieben, Hinweise auf lohnende Objekte zwischen Rhein und Elbe, die nach dem System populärer Reiseführer in drei Kategorien eingeteilt, sind:

Ein Stern: angenehmes Spionageobjekt im Rahmen der örtlichen Gegebenheiten;

zwei Sterne: lohnt einen Umweg;