Hector Berlioz: „Requiem“; Peter Schreier, Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks, Leitung: Charles Munch; Deutsche Grammophon Gesellschaft 104 969/70, Subskriptionspreis bis 31. 1. 69. 38,– DM, später 50,– DM.

Als bei der Uraufführung dieses Stücks am 5. Dezember 1837 im Invalidendom während des „Dies irae“ bei der Stelle „Tuba mirum spargens sonum“ die auf vier Nebenorchester verteilten zwölf Trompeten, vier Kornette, sechzehn Posaunen, sechs Tubae und acht Paar Pauken loslegten, fing der zelebrierende Pfarrer an zu weinen, und eine Choristin erlitt einen Nervenzusammenbruch. „Der Eindruck“, berichtet der Komponist, „war von schaudererregender Größe.“ Diese apokalyptische Vision ist nicht die einzige überwältigende Szene in Berlioz’ Totenmesse. Im Offertorium einen auf nur zwei Tönen psalmodierenden Chor mit einem kompliziert aufgebauten Orchester zu unterlegen, einen lyrischen Tenor in höchsten Lagen über einem dichten tiefen Streicher-Tremolo „Sanctus“ jubilieren zu lassen, A-capella-Chöre mit ätherischen Bläser-Akkorden zu konfrontieren, oratorische Statik mit raffiniertesten Instrumentationen zu beleben: in Frankreich gibt sich die frühe Romantik extravertierter als in Deutschland. Vor eineinhalb Jahren brachte CBS das Requiem unter Ormandy heraus. Aber erst die neue Aufnahme unter Munch macht deutlich, wie weit die Räume, wie unterschiedlich die musikalischen Stimmungen und Charaktere, wie mystisch-verträumt und ekstatisch-vital die Klänge sein können. Romantik und geistliche Musik wollen dem modernen Menschen nur schwerlich zusammenpassen. Diese Platte, eine der großartigsten Chor-Produktionen der letzten Zeit, könnte einige Schwierigkeiten beseitigen. Heinz Josef Herbort