Von Marianne Kesting

Es erscheint fast als ein Akt historischer Pietät, heute

André Breton: „Manifeste des Surrealismus“; Rowohlt Verlag, Reinbek; 144 S., Paperback 10,80 DM

neu herauszugeben, dient deren Publikation doch dem Rückblick auf eine Avantgarde, deren Position und Bedeutung in der Kunstgeschichte fest umrissen ist. Wer sich jedoch in die einzelnen Manifeste vertieft, deren unbedenklicher Furor zum Teil sehr typisch für den revolutionären Elan der zwanziger Jahre ist, wird sich bewußt, daß nahezu alle Positionen, die in diesen Manifesten erobert oder wieder verworfen wurden, noch in ganz erstaunlichem Maße die gegenwärtige Diskussion bestimmen.

Wir befinden uns in einer wirbelnden Kreisbewegung des Avantgardismus, der uns nur scheinbar alljährlich neue Kunstrichtungen beschert. Die Ausgangspositionen, zu denen auch der Surrealismus gehört, werden dabei immer wieder neu berührt. Die Bewegung weniger als geradliniger „Fortschritt“ – ihn behaupten nur noch die Kunsthändler – denn als eine Spirale, die sich ständig verengt.

Noch leben einige der alten Surrealisten, inzwischen gibt es schon wieder den jungen Surrealismus. Vor allem haben sich die Wände, gegen die der alte anrannte und die er im frischen Ungestüm zu stürzen glaubte, als recht beständig erwiesen, und damit ist der Anlaß zur surrealistischen Revolte erhalten geblieben.

Die Proklamation des „surnaturalisme“ – das Wort stammt von Baudelaire, es wurde von Apollinaire im Vorwort zu seinem Drama „Les Mamelles de Tirésias“ in den Begriff „Surréaferne“ verwandelt – richtete sich gegen die Realität der industriellen Gesellschaft, die auf unserer Erde die ungeheuerlichste Verwandlung bewirkt hat, die die Geschichte kennt. Vorschläge zu ihrer humanen Bewältigung blieben bisher Vorschläge.