Über den Sündenfall der Internationale

Von Richard Schmid

Georges Haupt: „Der Kongreß fand nicht statt. Die Sozialistische Internationale 1914“; aus dem Französischen von Karin Königseder; Europa Verlag Wien, Frankfurt, Zürich 1967, Pb. 318 Seiten, 19,80 DM.

Paul Frölich: „Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat“. Mit einem Nachwort von Irving Fetscher. 3. Auflage. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1967, 377 Seiten, 28,– DM.

In einem während der ersten Marokkokrise an seinen Reichskanzler von Bülow gerichteten Brief schreibt Wilhelm II.: „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen – wenn nötig per Blutbad – und dann Krieg nach außen.“ Das war 1906. Damit ist die Haltung des im doppelten Sinne unverantwortlichen Monarchen zu der damals betriebenen antimilitaristischen Politik innerhalb der Sozialdemokratie und der sozialistischen Internationale klar ausdrückt. Georges Haupt, Professor an einem Institut der Sorbonne, stellt diese Politik mit Hilfe der bisher noch nicht verwerteten Akten des J. S. B., des ständigen Büros der Zweiten Internationale dar, wobei er sich im großen und ganzen auf die letzten drei Jahre vor dem Zusammenbruch im August 1914 beschränkt.

Diese Periode beginnt mit dem Basler Kongreß der Internationale vom November 1912 (leider wird die Resolution von Basel nicht im Wortlaut wiedergegeben) und endet mit der erschütternden Sitzung des Büros der Internationale auf dem Höhepunkt der Kriegskrise am 29. und 30. Juli 1914 in Brüssel, worüber allerdings nur lückenhafte und widersprüchliche Niederschriften vorhanden sind.

Die Hauptfiguren 1914 sind auf französischer Seite der große Jaurès, der sofort nach seiner Rückkehr aus Brüssel in Paris ermordet wurde, auf deutscher Seite Hugo Haase; Bebel war 1912 gestorben. Rosa Luxemburg, die in der Frage, was bei drohendem Kriegsausbruch und im Kriege zu tun sei, zum deutschen Parteivorstand in scharfer Opposition stand, vertrat Polen. Für Österreich, dem in erster Linie betroffenen Land, war der kranke und alte Victor Adler mit seinem Sohn Friedrich Adler gekommen. Er hatte das erste Referat, in dem er vor dem inzwischen ausgebrochenen nationalistischen Hexensabbat die Ohnmacht seiner Partei zugeben mußte. Auf den 23. August war der zehnte Kongreß der Internationale nach Wien einberufen, auf dem unter – anderem fünfzigste Wiederkehr der Gründung der Internationale gefeiert werden sollte. Außerdem stand wiederum das Verhalten der Parteien zu Krieg und Kriegsgefahr auf der Tagesordnung dieses Kongresses, den die Ereignisse überrollten.