Von Alfred Boettcher

Bis zur Entstehung von Wissenschaft und Technik haben sich in früheren Jahrhunderten Zeiten einschneidender Wandlungen mit beinahe statischen Perioden abgewechselt. Im 19. und 20. Jahrhundert jedoch hat sich die Umwelt immer schneller gewandelt. Die von der Jugend geforderte Anpassungsleistung wächst von Generation zu Generation, und der Abstand älterer Menschen zu ihrer Umwelt nimmt rasch zu: Der einzelne wird immer weniger zeitgenössisch.

Das Problem unterschiedlicher Gegenwartsferne ist nicht nur ein Generationsproblem. In jeder hochentwickelten Gesellschaft gibt es größere Gruppen, die auf Grund geographischer, historischer oder anderer soziologischer Besonderheiten im statistischen Mittel gegenwartsnäher oder -ferner sind als der Durchschnitt der gesamten Gesellschaft, der sie angehören. Das ist besonders bei den Völkern der Dritten Welt der Fall. Nur ein sehr kleiner Prozentsatz – vorwiegend der jungen Generation – ist in der modernen Welt erzogen worden und hat sich deren Maßstäbe zu eigen gemacht. Im eigenen Heimatland steht er dann einer Majorität gegenüber, die noch in einer um Jahrhunderte von der ihrigen entfernten Welt lebt.

Die Folgen nichtzeitgenössischer Orientierung: Der einzelne oder ganze Gruppen sind nicht mehr in Übereinstimmung mit der Umwelt; Fehlreaktionen nehmen zu. Das Verharren in nicht mehr adäquaten Ordnungsvorstellungen führt zu wachsender psychischer Belastung. Zugleich vergrößert sich der innere Abstand zwischen den Generationen und damit ihr gegenseitiges Nichtverständnis. Besonders deutlich muß dies zwischen der Generation der 15- bis 25jährigen und ihrer Elterngeneration werden. Die Jugend ist zu einem immer größeren Schritt gezwungen, sie muß sich in immer radikalerer Weise von der durch ihre elterliche Generation geprägten Form abwenden, wenn sie sich der Gegenwart wieder hinreichend nähern will.

Diese Radikalität führt zu um so größeren soziologischen Spannungen, als Anpassungsreaktionen der Jugend in Ermangelung besserer Einsicht keinesfalls stets in diejenige Richtung führen, die die Umweltsituation erfordert. Die Stärke der Jugend liegt nur darin, daß sie die Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Struktur und Umwelt stärker empfindet und mit ungehemmter Vehemenz auf den verschiedensten Wegen versucht, neue Wertordnungen zu finden, die der bestehenden Situation besser entsprechen.

Die Mehrzahl dieser Ansätze führt nicht zum Erfolg, wird aber so lange mit gleichem Einsatz vertreten, wie sich nicht zeitgerechtere Formen erkennen und durchsetzen lassen. Die Unsicherheit unserer heutigen jungen Generation, die Heftigkeit ihrer Reaktionen ist zu einem Teil Ausdruck dieser Anpassungsmühe. Tritt das gleiche Problem zwischen ganzen Gruppen auf, wie bei den Völkern der Dritten Welt, sind die Spannungen und Belastungen besonders groß. Die Folgen lassen, sich an den permanenten politischen Schwierigkeiten dieser jungen Völker ablesen.

Biologisch bedeutet die mangelnde Anpassung des einzelnen oder ganzer Gruppen eine Schwächung. Zunehmende Spannungen zwischen den Generationen führen zu höheren psychischen Belastungen und zu biologisch negativen Auswirkungen. Es fragt sich daher, ob dieser Entwicklung nicht inhärente, Grenzen gesetzt sind. Es liegt nahe, an eine Selbstregulierung des Systems zu denken: durch eine autokatalytische Bremsung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung und damit der Umweltsveränderung. Sie wäre dadurch möglich, daß die Auswirkungen solcher Spannungen schlechtere Voraussetzungen für die weitere wissenschaftliche Entwicklung schaffen.