Ich müßte diese Zeilen über Jaipur, einen der ehemals fast 600 Maharadscha-Staaten und einen der bedeutendsten, mit rot leuchtender Tinte schreiben, diese ZEIT-Seiten müßten mit goldenen Buchstaben gedruckt werden, und in Edelsteine gefaßt, um auszudrücken, was ich gesehen habe.

Jaipur ist vorwiegend rosa, jährlich wird der vielgerühmte Palast der Winde rosa renoviert, der nur eine riesig aufgetürmte Fassade mit Erkern und kleinen Fenstern ist, hinter denen die Palastdamen den Festen in den Straßen zuschauten. Die Straßen waren schon immer breit und großzügig für die Elefantenaufzüge. Heute sind sie den ganzen Tag über dicht von einem Menschenteppich bedeckt, der sich hin und her bewegt und immer neue Ornamente bildet. Kamelkarawanen zeichnen sich ab, die heiligen Kühe schieben sich an den Autos vorbei, Ströme von Radfahrern, was einen amerikanischen Touristen zu der hurtigen Feststellung anregte: „Die Inder sind jetzt aus dem Jahre null in das Fahrradzeitalter gesprungen.“ Von einem in der strahlenden Sonne heftig leuchtenden Rosa waren die Turbane, die in dieser Region die Männer tragen, und besonders farbenfroh, rot vor allem, sind die Saris der Frauen. Die einzigartige Farbenpracht wärmt das Herz.

Sehr viele Inder tragen weiße Anzüge und viele noch den Dothi, die gewickelte Hose aus oft hauchdünnem Baumwollmusselin, oder viel mehr einer, als Lendentuch gewickelten Sarong, von dem ein Ende meistens fast auf die Erde herunterhängt. Ein Muster der Einfachheit, aber nicht gerade der Schönheit. Darüber werden ein loses Hemd und eine Weste getragen. Inder können an den Saris der Frauen, ob sie aus zartem Baumwollstoff gewebt oder aus schwerer Seide, mit Gold und Silber durchwirkt oder echten Goldstickereien an Festgewändern geschmückt sind, und in der Art, wie sie gewickelt werden, die regionale Herkunft und sogar die Kastenzugehörigkeit erkennen. Im Staat Radschasthan tragen die Frauen auch weitschwingende, bodenlange Röcke. Die Pracht des Schmuckes auch noch der ärmsten Frauen unzivilisierter Bergstämme aus den Wäldern, Silberreifen an Armen und Beinen, Ringe an Fingern und Zehen, nicht nur Brillanten, sondern ganze Edelsteingehänge in der Nase und an den Ohren, Schmuck im Gewicht bis zu fünf Kilo, veranlaßt wirtschaftlich denkende Fremde zu der Überlegung, ob die Reichtümer dieser „Bankkonten und Lebensversicherungen“, die am Körper getragen werden, je geschätzt wurden und wie reich der Staat wäre, könnte er diese Millionen Privatsafes zu Geld machen.

Auch die Herkunft und Zugehörigkeit der Männer, Sekten, Ortschaften, Stämme, Kasten kann man an der Farbe der Turbane erkennen und der Art, wie sie gewickelt sind. Die Sikhs, eine Sekte, die ihr Haar nicht schert, sich nicht rasiert, nicht raucht und aus dem Pandschab stammt, trifft man überall in Indien und erkennt sie leicht. Gegenüber den anderen indischen Männern, die oft zartgliedrig sind und weibliche Züge haben, sticht die kraftvolle Männlichkeit der Sikhs ab, die eine martialische Vergangenheit haben und sie heute für den Beruf des Soldaten, des Polizisten, der Taxifahrer und Piloten besonders geeignet macht.

Immer wenn ich auf meinen vielen Flügen der innerindischen Fluggesellschaft (mit einem ganz ausgezeichneten Service) einen Sikh im Pilotensitz sah, der leicht daran zu erkennen ist, daß er auch zur Uniform den Turban trägt, stieg ich ganz beruhigt in die Maschine. Sie wirken so verläßlich und haben Talent für die Technik. Sie sind aber auch, wie die meisten Inder, sehr unternehmende Kaufleute. Verwirrend, wie vieles in Indien: Nicht jeder Sikh trägt einen Bart, und obwohl alle Sikhs ihrem Namen ein Singh (Singh heißt der Löwe) anfügen, sind nicht all: Singhs Sikhs.

Jaipur scheint vor Juwelen, Gold und Silber zu bersten. Die Fürsten haben ihre Herrschaft und viel von ihrem Reichtum abgegeben, auf ihre Sonderrechte (Hissen eigener Standarten auf Palästen und Automobilen, Waffenscheinfreiheit, Immunität) und auf jährliche Entschädigungen werden sie wohl auch bald verzichten müssen, während sie politische Macht schon wieder gewinnen. Der Maharadscha von Jaipur ist Botschafter und vertrat sein Land lange in Spanien. Die Maharani ist einflußreiches Mitglied der Swatantra-Partei, der Partei der Kapitalisten. Ihr privater Besitz, allein an Juwelen, ist unschätzbar. Die Juwelengeschäfte in Jaipur sind Märchenburgen, in die man wie im Sog von den Händlern hineingezogen, von den Fremdenführern hineingedrängt wird. Jaipur zieht 30 Prozent des gesamten Touristenverkehrs von Indien magisch an. Hier wie überall werden sie zum Kauf genötigt und machen sich ein Vergnügen daraus, doch kann man dabei leicht den Verstand verlieren und nahe an den Bankrott geraten.

In Jaipur arbeiten 12 000 Edelstein- und Diamantenschleifer und Juweliere, 10 000 bearbeiten Marmor zu feinen Intarsienarbeiten, 5000 knüpfen Teppiche und noch einmal 10 000 schnitzen Holz, Elfenbein und töpfern. 7000 bearbeiten Messing und weitere 7000 stellen Baumwollstoffe von größter Feinheit her, die sie kunstvoll färben.