Von Gabriel Laub

Ein großer tschechischer Intellektueller schreibt aus dem Gefängnis am 18. Juni des Jahres 1415: Ein Theologe sagte mir, daß für mich alles gut und erlaubt sei, wenn ich mich nur dem Konzil unterwerfe, und fügte hinzu: wenn das Konzil verkündete, du habest nur ein einziges Auge, auch wenn du zwei hast, wäre es deine Pflicht, mit dem Konzil zu bekennen, daß dem so sei. Ich antwortete ihm: auch wenn es die ganze Welt behauptete, ich könnte es, da ich den Verstand habe, wie ich ihn jetzt habe, nicht zulassen“ (Karel Kosík zitiert Johannes Hus).

„Seit Literatur Literatur ist, wird auf den Schriftsteller in kleinerem oder größerem Maße administrativer oder psychologischer Druck ausgeübt, damit er sich den aktuellen Bedürfnissen der Gesellschaft unterordnet. Als hätten jene, die Menschenglück und -leid weniger durchleben, die vielmehr über dieses Glück und dieses Leid entscheiden, als hätten jene amusischen Menschen vergessen, was sie schon in der Schule gelernt haben, nämlich, daß gesellschaftliches Engagement zu den Grundlagen der sozialen Funktion des Schriftstellers gehört“ (Alexander Kliment).

Beide Zitate stammen aus Reden, die im Juni 1967 auf dem Kongreß des Schriftstellerverbandes in Prag gehalten wurden; einige von ihnen liegen nunmehr auch in deutscher Sprache vor –

„Reden zum IV. Kongreß des Tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes Prag, Juni 1967“, Nachwort von Pavel Kohout; edition 326, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 163 S., 3,– DM.

Man kann in dem Buch mehrere nicht minder treffende Zitate finden, wenn sie auch anderes betreffen – die Beziehung zwischen dem einzelnen und der Macht in der modernen Gesellschaft, oder die Verantwortlichkeit der nationalen Kultur der Nation und der Nation der Kultur gegenüber, oder die Gewissensprobleme des einzelnen im gesellschaftlichen Ganzen, oder die Verbindung von Sozialismus und Humanismus.

Eine erstaunliche Fülle von Problemen in einem so schmalen Bändchen. Erstaunlich viele auch nach einem so stürmischen Jahr heute noch aktuelle Probleme, erstaunlich viele tiefschürfende Analysen, bemerkenswerte Anregungen – in einer Sammlung von Reden, einem Genre, das ja naturgemäß eher zu oberflächlichen Effekten und ephemerer Geltung neigt.